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Gesundheit

20 Jahre Selbsthilfegruppe Wolkenschieber

BAD EMS Der BEN Kurier führte mit dem Begründer und Leiter der größten Selbsthilfegruppe in Rheinland-Pfalz für psychisch erkrankte Menschen ein Interview. Schnell wurde klar: „Der Bedarf an freien Therapieplätzen ist enorm.“

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Die SHG-Wolkenschieber feiern ihr 20-jähriges Bestehen
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BAD EMS Der BEN Kurier führte mit dem Begründer und Leiter der größten Selbsthilfegruppe in Rheinland-Pfalz für psychisch erkrankte Menschen ein Interview. Schnell wurde klar: „Der Bedarf an freien Therapieplätzen ist enorm.“ Selbsthilfegruppen leisten erstaunliches. Durch den  Erfahrungsaustausch finden Betroffene Halt und können oftmals ihre Lebenssituation stabilisieren. Und dennoch ist die staatliche Lobby für solche Angebote gering.

Hallo Herr Minnemann. Sie können ruhig Jason sagen. Okay. Du hast eine Selbsthilfegruppe für psychisch erkrankte Menschen gegründet. Wie kam es dazu? Ich erfuhr damals, dass ich an Multiple Sklerose leide. Eine niederschmetternde Diagnose die mein Leben erschütterte. Alles was man so plante war Makulatur. Und in solchen Phasen ist es nicht unüblich, dass diese durch Depressionen begleitet werden. So war es auch bei mir. Gerne hätte ich mich mit ebenfalls Betroffenen ausgetauscht aber da gab es keine Selbsthilfegruppen die einem im Erfahrungsaustausch ein wenig Angst hätten nehmen können. Und so kam ich im Oktober 2000 auf die Idee selber eine solche Selbsthilfegruppe zu gründen. Dabei ging es natürlich vorrangig um die psychischen Belange und nicht um die Multiple Sklerose.  Ich lernte eine Diplom Sozialpädagogin von der Caritas kennen. Diese griff meine Idee auf und unterstützte mich im Aufbau der Selbsthilfegruppe. Unter anderem stellte sie mir auch Räumlichkeiten zur Verfügung. Im Gemeindeblättchen der Stadt Weißenthurm annoncierte ich das Angebot der neuen Gruppe und schon kamen die ersten Anfragen. Ja. und ab da an startete ich in den Caritas Räumlichkeiten in Weißenthurm. 

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Ging es Dir damals besser? Ich hatte mich mit der Multiple Sklerose arrangiert. Sie war halt da. Aber. Meine Depressionen waren Geschichte. ich hatte eine neue Aufgabe die mich forderte. Dass diese Berufung einmal mein Beruf werden sollte, konnte ich seinerzeit noch nicht erahnen.

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Es war damals bestimmt ein Riesenansturm auf die Selbsthilfegruppe? Oje (*lacht). Überhaupt nicht. Es ging ganz bescheiden los. Gerade einmal fünf Leute meldeten sich. Aber das war egal. Ein Anfang war geschaffen. Wir trafen uns alle 14 Tage in Weißenthurm. Und besonders diese Zeit war für mich sehr wertvoll. Eine Zeit des Lernens. 

Eine Zeit zum Lernen? Wie meinst Du das Jason? Na ja.  Für mich war alles Neuland. Ich saß dort mit den Leuten in kleiner Runde und sollte diese Gruppe anleiten. Dabei hatte ich keinerlei Erfahrungen mit so etwas. Aber ich war wissbegierig und wurde mutiger. Ich stellte Fragen und hörte zu. Die Menschen erzählten mir und der Gruppe von Ihrem Alltag und ihren psychischen Problemen. Ich konnte viel für mich mitnehmen. Und ich merkte welche Eigendynamik solch eine Gemeinschaft prägt. Es ist wie eine Welle die durch das gemeinsame Gespräch und die Fähigkeit zuzuhören, Lösungen erarbeitet. Es ist eine sehr spannende Erfahrung für mich gewesen.

Und Heute bist Du ein alter Hase? Alt und wieso Hase? (*grinst). Ich nenne es lieber einen erfahrenen Leiter und Mentor. Aber auch ich lerne noch immer dazu. 

Zu mindestens hast Du Deinen Humor nicht verloren. Es gibt doch bestimmt nichts zum Lachen in solchen Gruppen. Was für Patienten behandelt Ihr? Zunächst einmal sind das keine Jammergruppen. Natürlich wird trotz der ernsten Thematik gelacht. Und das ist auch verdammt gut so. Und es sind auch keine Patienten sondern Betroffene. Patienten dürfen sie in einer Klinik sein aber nicht in einer Selbsthilfegruppe. Da sind wir alle gleich. Und bei den Diagnosen in den einzelnen Gruppen geht es quer durch die Bank. Von Depressionen über Angststörungen, sozialen Phobien, selbstverletzenden Verhalten, Zwangsstörungen bis hin zu Borderlinern. Auch trockene Alkoholiker oder ehemalige Drogenabhängige holen sich die nötige Stabilität bei den Wolkenschiebern.

Psychisch Kranke haben keine Lobby

Wie kam es zu dem Namen Wolkenschieber? Ich sah mir gerade die Wetternachrichten mit dem Kachelmann an…..  Dein ernst? Nein (*lacht). Psychische Erkrankungen sind wie eine Wolkenwand. Und Selbsthilfegruppen können einem durch so manchem Regen helfen oder zeigen wie man darin klar kommt. So manche Male verschwindet der Nebel gänzlich. Darum fand ich das Synonym Wolkenschieber perfekt für eine solche Selbsthilfegruppe.

Ja. Das passt. Es heißt, dass die Wolkenschieber eine der größten Selbsthilfegruppen in Deutschland wären? Das weiß ich nicht. Das kannst Du wahrscheinlich besser beurteilen wie ich. Für Rheinland-Pfalz könnte es zutreffend sein. In Koblenz gibt es in der Bethesda Stiftung aktuell 10 Gruppen, zwei in Weißenthurm und eine ganz neue in der Rhein Mosel Fachklinik. Und natürlich nicht zu vergessen die bald beginnende Gruppe in Bad Ems. Insgesamt dürften es damit etwa 180 betreute Personen sein.

Und wer leitet diese Gruppen? Mentoren moderieren die Gespräche.  Sie achten darauf dass die Gruppenregeln eingehalten werden und sind gleichzeitig Ansprechpartner für die Betroffenen.

Sind die Mentoren Psychologen? Nein. Glücklicherweise nicht. Das wäre auch kontraproduktiv. Mentoren sind ehemalige oder teilweise noch immer selbst betroffene Menschen. Dabei sind diese soweit gefestigt, dass sie eine solche Aufgabe übernehmen können. Der Vorteil liegt einfach darin, dass die Mentoren sich viel tiefer in die Situation hineindenken können. Keine bloße Theorie.

Werden in der Selbsthilfe nicht belastende Dinge erzählt? Wie gehen diese Mentoren damit um? Natürlich erfahren die Mentoren, aber auch die ganze Gruppe, belastendes aus dem Leben der Beteiligten. Nur so können Erfahrungen  ausgetauscht werden. Viele erkennen sich in der Problematik wieder oder konnten bereits Lösungen erarbeiten die sie wiederum teilen. Die Mentoren werden besonders unterstützt.  Diplom Sozialpädagogen und ich halten viermal im Jahr Supervisionen ab. Die Gruppenleiter haben dort die Möglichkeit der Selbstreflexion. Schwierigkeiten in der Gruppe und belastende Ereignisse werden erörtert.  Zusätzlich haben wir alle vier Wochen Mentorentreffen. Da tauschen wir uns internen Erfahrungen aus.

Mich würde noch etwas zu den Mentoren interessieren. Wie viele arbeiten für die Wolkenschieber und wie genau leiten diese die Gruppen? Aktuell sind es 13 Mentoren. In einer sogenannten Befindlichkeitsrunde bekommt jeder Betroffene die Möglichkeit das Erlebte der vergangenen 14 Tage darzustellen. Es geht um eine Momentaufnahme. Die Mentoren hinterfragen das Eine oder Andere. Manche benötigen etwas mehr Zeit. Bei introvertierten Betroffenen versucht der Mentor genauer hinzuschauen. Nach dieser Eingangsrunde entwickeln sich häufig von alleine die Themen. Wie erwähnt, leben die Gruppen von der Eigendynamik und dem Erfahrungsaustausch. Es ist für die Mentoren stets eine Gradwanderung jedem genügend Raum und Zeit zu geben. 

Selbsthilfegruppen sind Kliniken nicht gleichgestellt.

Kann man einfach bei den Wolkenschieber vorbeikommen? Nein. Das geht leider nicht. Zunächst bedarf es einem telefonischen Vorgespräch. Oder einer E-Mail über unsere Webseite. Ich versuche in so einem Gespräch den Leidensdruck und die Diagnosen zu klären.

Das heißt, dass Teilnehmer vorab eine psychiatrische Diagnose haben müssen? Nicht unbedingt. Mir reicht es aus, den aktuellen Stand zu wissen. Daraus ergeben sich vielfach bereits anzunehmende Diagnosen. Es ist ja so, dass Betroffene oftmals lange Wartezeiten auf eine ambulante psychiatrische Therapie haben. Daran änderte sich bis heute wenig. Auch wenn der Gesetzgeber sagt, dass jeder kurzfristig Anspruch auf eine ärztliche Versorgung hat, so ist das in der Realität völlig anders. Wartezeiten von bis zu einem Jahr oder mehr sind keine Seltenheit. Selbst die kassenärztliche Vereinigung kommt an ihre Grenzen. Der Idealfall wäre es, wenn diese einen Therapeuten mit freien Kapazitäten vermitteln. Doch die Wahrheit ist ernüchternd. In der Regel bekommen die Betroffenen eine Liste zugesendet, auf der sämtliche Psychotherapeuten im Umkreis verzeichnet sind. Und genau diese haben meist keine freien Therapieplätze da sie von allen abgearbeitet wurden. Häufig ist nur ein Anrufbeantworter erreichbar. Nicht selten mit dem Text, dass im selben Jahr keine Patienten mehr aufgenommen werden. Und sollte ein Betroffener doch einmal Glück haben, sind die Entfernungen zu den Psychotherapeuten enorm. Einfache Fahrtstrecken von 60 Kilometer und mehr sind keine Seltenheit. Dieses hält der Gesetzgeber für zumutbar.  In der Praxis kaum haltbar. Denn es setzt voraus, dass jeder Hilfesuchende mobil ist.

Und was ist mit den Kliniken im Umkreis? Diese stellen Angebote. Im Bereich Koblenz ist es in erster Linie die Rhein-Mosel Fachklinik und für den Rhein – Lahn – Kreis das Elisabeth Krankenhaus in Lahnstein. Aber….. Auch dort gibt es Wartezeiten. Nicht jeder Erkrankte möchte stationär behandelt werden. Und selbst wenn, dann muss er mit guten sechs bis acht Wochen Wartezeiten rechnen. Oftmals sogar deutlich länger. Und bei den Tageskliniken sieht es ähnlich aus. Letztlich gibt es noch die psychiatrischen Institutsambulanzen. Diese sind für Patienten da, die aktuell dringenden Bedarf haben aber keinen Therapeuten finden. Doch so viel besser sieht es bei denen auch nicht aus. Auch dort muss mit Wartezeiten gerechnet werden. Letztlich bleiben nur noch die Akutstationen. Doch wer nicht gerade suizidal gefährdet ist oder zum Beispiel  einen psychotischen Schub hat, steht vor verschlossener Tür. Aus meiner Sicht ist dieses ein großes Dilemma im Gesundheitssystem. Es fehlen zahlreiche ambulante Therapieplätze. 

Gibt es einen Grund dafür? Ja. Den gibt es. Psychiatrische Erkrankungen sind im Verlaufe der vergangenen zwanzig Jahre massiv gestiegen. Wir sind in einer schnelllebigen Zeit. Hoher Leistungsdruck. Wir müssen in der Gesellschaft funktionieren. Das Ergebnis sind Burnout, Depressionen und so weiter. Die Seele leidet und ist zur Volkskrankheit Nummer eins geworden. Jedoch die Zahl der zugelassenen Therapeuten blieb lange Zeit konstant. Der Bedarf konnte nicht mehr gedeckt werden. Zwar wird der Bereich heute massiv ausgebaut aber die Maßnahmen kommen spät. Wenn nicht sogar zu spät.

Und wie sieht das bei Euch aus mit Wartezeiten? Tja….. 2019 war eine Katastrophe. Es gab einen kompletten Aufnahmestop. Für mich war das eine belastende Zeit. Menschen mit akuter Problematik abweisen zu müssen da die Gruppen voll waren. Die Situation hat sich etwas entspannt. Und dennoch gibt es Anwartschaften zwischen drei bis sechs Monaten. Ich sehe aber Licht am Horizont. Wir öffnen gerade neue Gruppen. Wie zum für den Rhein-Lahn-Kreis in Bad Ems. Da sind sogar noch ein paar wenige Plätze frei. 

Müssen die Betroffenen in den Gruppen etwas über sich erzählen? Eine Selbsthilfegruppe lebt vom Erfahrungsaustausch. Und jeder möchte davon profitieren. Sich selber reflektieren. Doch jeder Mensch ist anders. Zu Beginn starten die neuen Wolkenschieber meistens in der Auffanggruppe. Dort haben sie die Möglichkeit den Ablauf in einer Selbsthilfegruppe kennenzulernen. So einige sind eher introvertiert und hören zu. Auch das wird akzeptiert. In der Regel ist es so, dass jeder irgendwann einmal etwas über sich erzählt. Was er sagen mag, bleibt demjenigen überlassen.

Wie setzen sich die Gruppen zusammen? Wie eben erwähnt, starten wir in den Auffanggruppen. Dort versuchen wir nach etwa fünf Teilnahmen für die jeweiligen Betroffenen die passenden und dauerhaften Gruppen zu finden.  Dieses hat durchweg weniger etwas mit dem Krankheitsbild zu tun wie mit der harmonischen Gruppenbild. Es muss für alle Beteiligten passen. Darauf achten wir. Es gibt auch zwei Gruppen für Psychiatrie erfahrene Patienten. Wegen dem hohen Bedarf finden diese wöchentlich statt. Neulinge, mit einem aktuellen Burnout oder einer Depression, wären in solchen Gruppen vielleicht überfordert. Andererseits könnten sie auch von dem Erfahrungsschatz profitieren. Das ist stets eine Gradwanderung für die Mentoren welche die neuen Wolkenschieber einschätzen. 

Also sind die Gruppen nicht nach Krankheitsbild gegliedert? Richtig. Das hat sich bewährt. 

Wie sieht es denn mit der Schweigepflicht aus? Ein wichtiger Aspekt. Jeder Betroffene unterliegt der Schweigepflicht. Es werden ja teilweise sehr private Sachen in den jeweiligen Gruppen erzählt. Und somit muss jeder Teilnehmer auch eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben. Würde ein Teilnehmer gegen dieses Gebot verstoßen, wäre er raus. Und Weiterungen sind nicht ausgeschlossen. Da gäbe es meinerseits keine Toleranz. ich muss aber sagen, dass das bisher hervorragend funktionierte.

Wie oft treffen sich die Wolkenschieber? Alle 14 Tage und zwei Stunden. Das ist in sämtlichen Gruppen gleich. 

Die SHG-Wolkenschieber feiern ihr 20-jähriges Bestehen

Wie ist das Verhältnis zwischen den Wolkenschiebern? Das ist eine spannende Sache. Innerhalb der Gruppen entwickeln sich häufig Freundschaften. Die Schnittpunkte des Lebens verbinden. Manche denken, dass sie alleine auf der Welt anders sind. Dabei kann anders richtig gut sein. Und sie sehen, dass es da noch einige mehr gibt die vor den gleichen Schwierigkeiten stehen wie sie selber. Zusätzlich gibt es auch alle vier Wochen einen Wolkenschieber Stammtisch in wechselnden Pubs oder Restaurants. Somit kommt auch der übergreifende Kontakt außerhalb der Gruppen Zustande. Natürlich sind die Teilnahmen freiwillig wie so alles bei den Wolkenschiebern.

Das heißt, Du bekommst kein Geld von den Betroffenen? Wie finanzieren sich die Wolkenschieber? Ja. Das stimmt. Die Teilnahme kostet nichts. Die Wolkenschieber finanzieren sich durch Fördergelder der AOK. Die Bethesda Stiftung stellt Räumlichkeiten zur Verfügung. Genauso wie die Rhein-Mosel-Fachklinik und der VfL Bad Ems. Ohne die Unterstützungen für Raummieten, Fixkosten, Büro und Supervisionen, würde es nicht funktionieren.

Leitest Du noch selber eine Gruppe? Bis 2018 betreute ich Gruppen in Andernach. 18 Jahre sind eine sehr lange Zeit und auch ausreichend. Im Notfall springe ich ein. Doch bei den Wolkenschiebern kümmere ich ich um administrative Aufgaben.

Und was machst Du beruflich? Ich habe meine Berufung zum Beruf gemacht. Nach dem Studium zum psychologischen Berater, biete ich intensive Einzelgespräche oder auch Paarberatungen in Krisen an.

Aktuell gibt es immer noch die Corona Einschränkungen. Wie seid ihr damit umgegangen? Schwierig. Zu Beginn des Lock Down mussten wir uns etwas einfallen lassen. Wochenlang waren sämtliche Treffen nicht möglich. Besonders Für die Betroffenen eine Katastrophe. Für viele waren die 14-tägigen Treffen die einzigen Kontakte zur Aussenwelt. Für Teilnehmer mit sozialen Phobien ein unhaltbarer Zustand. Und da zeigte sich wieder wie toll unsere Mentoren sind. In den Watsappgruppen oder über Videokonferenzen wurden Sitzungen abgehalten. Das war natürlich nicht mit den realen Treffen vergleichbar. Mittlerweile entspannte sich die Situation. In einigen Städten finden wieder regelmäßige Treffen statt. Andere Standorte sind noch immer geschlossen. Und besonders in dieser schwierigen Zeit mussten wir erkennen, wie klein die Lobby für Selbsthilfegruppen ist.

In Krisen gemeinsam statt einsam Lösungen erarbeiten – das sind die Wolkenschieber

Wie meinst Du das? Tanzschulen, Fitnessstudios und auch Tageskliniken in den Krankenhäusern wurden geöffnet. Dort stehen vorrangig finanzielle Interessen. Doch Selbsthilfegruppen wurden vom Staat in der Coronakrise überhaupt nicht beachtet. Es gab keinerlei Programme. Selbsthilfegruppen sind Kliniken nicht gleichgestellt. Und es zeigt auch, dass Menschen mit Depressionen etc. keine Lobby haben. Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, unter Beachtung der Corona Schutzmaßnahmen, die Gruppenabende abzuhalten. Einerseits schätzen Kliniken und Ärzte die stabilisierende Wirkung von Selbsthilfegruppen. Wartezeiten zu stationären oder ambulanten Therapien werden überbrückt. Andererseits wird das Angebot als Selbstverständlichkeit betrachtet anstatt eigene medizinische Plätze auszubauen. Und gerade in der Coronakrise erlebten wir für die Betroffenen große Rückschläge. Therapien wurde unterbrochen. Die Menschen wurden erneut instabil. Kleine Schritte sind für psychisch erkrankte Menschen oft Siebenmeilenstiefel. Und diese Wege zu gehen ist oft eine schmerzhafte Erfahrung. Und all jenes müssen sie jetzt erneut durchleben.

In Krisen gemeinsam statt einsam

Wie war es für Dich während der Coronazeit? Anders wie erwartet. Auch ich konnte keine Vor-Ort Sitzungen mehr anbieten. Kurzerhand entschloss ich mich die Gespräche per Videokonferenz abzuhalten. Und das Angebot wurde intensiv genutzt. Für mich gab es keine Einbußen. Im Gegenteil. Eine Win-Win Situation für die Betroffenen  und mich.

Dieses Jahr wären die Wolkenschieber 20 Jahre alt geworden……? Ja. Ich sehe das mit einem lachenden und weinenden Auge. Die Freude über das Erlebte und den großen Rückhalt ist enorm. Doch der Wermutstropfen ist da. Wir wollten dieses besondere Jubiläum mit den Bürgermeistern, Förderverein und sämtlichen Wolkenschieber groß feiern. Doch Corona hat uns da einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Bekanntlich ist verschoben nicht aufgehoben. Wir werden einen neuen Termin finden.

Lieber Jason. Der BEN Kurier dankt Dir für dieses tolle Interview und wünscht Dir weiter viel Erfolg bei deiner so wichtigen Tätigkeit. 

Wer Hilfe zur Selbsthilfe sucht, ist bei den Wolkenschiebern gut aufgehoben. Unter dem Motto „Aktives Leben lernen,“ finden die regelmäßigen Treffen der SHG-Wolkenschieber in Weißenthurm, Andernach, Koblenz und demnächst Bad Ems statt. Erkundigen können Sie sich über die webseite www.shg-wolkenschieber.de   Dort finden Sie auch ein Kontaktformular.

Vorgespräche führt Herr Minnemann unter der Telefonnummer 0177-616 6615

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Tolles Engagement: 14 Ehrenamtler lassen sich zum Hospizbegleiter ausbilden!

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Foto: Ellen Alsbach
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NASSAU Vierzehn Frauen und Männer lassen sich derzeit von den Ambulanten Hospizdiensten Rhein-Lahn zum/zur ehrenamtlichen Hospizbegleiter/in qualifizieren. Dabei geht es um die Sterbebegleitung sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Jetzt waren die Teilnehmer/innen im Altenheim Hohe Lay in Nassau zu Gast.

Es war ein sehr gelungener Nachmittag. Die Kursteilnehmer/innen konnten viele neue Eindrücke und weitere Methoden und Erkenntnisse in der Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase mitnehmen“, bedankte sich Hospizkoordinator Jürgen Ackermann bei den Verantwortlichen im Haus Hohe Lay, einem Kooperationspartner der Hospizdienste, für den einfühlsam gestalteten Nachmittag.

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Antje Illing, stellvertretende Leitung soziale Betreuung des Hauses Hohe Lay, hatte die zukünftigen Hospizbegleiter/innen in Empfang genommen und den Umgang in der Palliativversorgung der Bewohner in der letzten Lebensphase in einem sehr umfangreichen Vortrag anschaulich vermittelt. Anschließend wurden praktische Handhabungen zum Beispiel bei der Aromatherapie, basalen Stimmulation oder bei der Mundpflege mit Selbstübungen erprobt. Die Kombination von Aromatherapie und basaler Stimulation verstärkt die positiven Effekte beider Methoden und schafft eine umfassende Unterstützung für den Sterbenden. Der beruhigende Duft von ätherischen Ölen kann das Wohlbefinden zusätzlich fördern, während die sanften Berührungen der basalen Stimulation ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Zusammen tragen sie dazu bei, die letzten Tage und Stunden des Lebens möglichst friedlich in einer Atmosphäre des Vertrauens zu gestalten.

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Der umfangreiche Hausrundgang über alle Wohnbereiche wurde im „Raum der Stille“ abgeschlossen. Hier haben die Angehörigen noch einmal die Möglichkeit, sich von ihren Lieben zu verabschieden (Text: Christine Vary).

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Das Projekt Ärztehaus in Singhofen geht weiter

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Foto: Gemeinde SInghofen
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SINGHOFEN Es ist jetzt ein gutes Jahr her, dass auf dem Grundstück unterhalb des Zustellstützpunktes der Deutschen Post in Singhofen das Areal für das Zukunftsprojekt „Ärztehaus mit Apotheke“ abgesteckt wurde. Seitdem ist einiges passiert: Die Bauphasen 1-3 (Grundlagenermittlung, Vorplanung und Entwurfsplanung) sind abgeschlossen. Nach einer Sitzung des Ortsgemeinderates am 9.9.2024 sollte in der Bauphase 4 (Genehmigungsplanung) aufgrund der dann vorliegenden Kostenschätzung über das weitere Vorgehen entschieden werden.

Nach damaligem Beschluss sollen die Kosten auf eine Höhe von 2.250.000 Euro einschließlich Grundstück und abzüglich LEADER-Förderung in Höhe von 250.000 Euro begrenzt werden, sodass aus der Rücklage maximal 2.000.000 Euro entnommen werden müssen. Inzwischen befinden wir uns in der Bauphase 4 und der Ortsgemeinderat musste in seiner Sitzung am 10.3.2025 aufgrund der umfangreichen Planzahlen aller Gewerke darüber entscheiden, ob und wie es weitergeht. Herr Maxeiner, der für die gesamte Maßnahme die Steuerung übernommen hat, stellte in der nicht-öffentlichen Sitzung, an der auch der Bauausschuss teilnehmen durfte, alle Details zum Gebäude vor. Demnach lag die Kostenschätzung bei ca. 2.550.000 Euro und überschritt abzüglich der Förderung die geplante Investition um 300.000 Euro. Seitens des Rates wurde der Bau des Ärztehauses ohne Apotheke ins Spiel gebracht, die geschätzten Kosten liegen hier bei 1.860.000 Euro.

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Auf dieser Grundlage beschloss der Ortsgemeinderat den Bau des Ärztehauses ohne Apotheke. Die dadurch erforderlichen Änderungen in der Planung und die notwendige Anpassung des Bebauungsplanes könnten zu leichten Verzögerungen führen, dennoch hat Herr Maxeiner mit einem Antrag auf vorzeitigen Baubeginn die Fertigstellung im Sommer 2026 in Aussicht gestellt.

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Gesundheit

Leben bis zuletzt: Ein Besuch im Nassauer Hospiz, der alles verändert

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Foto: BEN Kurier
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NASSAU Anthony Hopkins sagte einmal: „Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen, spaziert in der Sonne, springt ins Meer, sagt die Wahrheit und tragt Euer Herz auf der Zunge. Seid albern, komisch und freundlich, denn für nichts anderes ist Zeit.“ Er hat so Recht.

Vor ein paar Tagen waren wir zum Pressegespräch ins Hospiz in Nassau eingeladen. Seit Tagen versuche ich zu begreifen, was dort geschehen ist und wie ich es in Worte fassen kann. Neben mir sitzt Dr. Schencking, der Initiator des Hospizes in Nassau, dazu die Hospizleitung Hanne Benz und die stellvertretende Pflegedienstleitung Kerstin Vogt. Auf dem Tisch stehen Plätzchen, dazu Kaffee und Wasser. Seit gut zwei Monaten ist das Hospiz geöffnet. Es war ein langer Weg und ein harter Kampf, doch heute sollte mir klar werden, wie wertvoll das Haus ist.

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Vor dem Tod blicken wir nur zu gerne weg. Es ist etwas, womit wir uns nicht beschäftigen wollen und was wir ausblenden. Oh Anthony, du wirst in der Geschichte noch so recht behalten. An der Stelle könnte eigentlich alles enden, bevor es angefangen hat, wenn uns nicht ein Spiegel vor Augen gehalten worden wäre. Mit „wir“ ist an der Stelle der Kollege der Printpresse gemeint, den ich an dem Tag nicht als Konkurrenten betrachtete, sondern ihn vielmehr beobachtete, um zu fühlen, was er spüren würde. Vorab: Meine Achtung ist da gewaltig gestiegen.

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Nadine Raab aus München betritt den Raum. Die Mitvierzigerin hält einen langen, handgeschriebenen Zettel in der Hand. Das kennt man so gar nicht mehr. Mit Füllfederhalter schien sie die Worte vorbereitet zu haben, die sie der Presse mitteilen wollte. Nadine ist Angehörige. Ihr Vater ist als Gast ins Hospiz zum Sterben gekommen. Ja, Gast, wie uns die stellvertretende Pflegedienstleiterin erklärt. Es gibt keine Patienten mehr im Hospiz. Es soll ein Ort sein, wo man aufleben darf. Leben. So surreal in dem Augenblick. Und doch ist es so. Man kommt nicht ins Hospiz zum Sterben, sondern zum Leben. Noch einmal leben dürfen, ohne Schmerzen und im Hier und Jetzt zu sein.

Wortlos sieht uns Nadine fragend an. Sie setzt sich, legt den sorgfältig vorbereiteten Zettel beiseite und beginnt bedächtig zu reden. Bei ihrem Vater wurde bei einer Zufallsuntersuchung ein Gehirntumor festgestellt. In dem Augenblick ist alles anders. Nicht nur der Betroffene wird aus dem Leben gerissen, sondern es ist ein nicht wahrzuhabender Abschied für alle. Zukunftspläne verschwinden und es ist nur noch der Augenblick, der zählt. Während Nadine leise spricht, versuche ich, sie zu lesen. Was mag sie empfinden? Es sind nicht die Worte, die sie spricht, sondern die traurigen Züge in ihrem Gesicht und die gebrochenen, kurzen Momente.

Das hier ist kein Job, es ist das reale Leben. Ich beobachte meinen mir gegenübersitzenden Kollegen. Er spricht kein Wort, hört zu, und auch ihn scheint die Situation ergriffen zu haben. „Mein Vater wurde zunächst auf einer Palliativstation versorgt“, erzählt Nadine. Zeit, ja Zeit, die gab es dort nicht für die Patienten. Das System der Patientenversorgung lässt kaum Raum für Menschlichkeit. Die Pflegenden wollen helfen – genau deshalb haben sie diesen Beruf gewählt. Doch unser Gesundheitswesen zwingt sie in ein Korsett aus Zeitvorgaben. Jede Minute ist durchkalkuliert, doch das Wichtigste bleibt oft auf der Strecke: Zeit für den Patienten. Das nette Wort, ein Halten der Hand und Zuhören. Dafür haben die Pflegekräfte einmal die Berufswahl getroffen und wurden genau darum betrogen.

Nadine erzählt vom Wünschewagen. Noch einmal fuhr sie mit ihrem Vater zu seinem Zuhause und besuchte die Burg Ehrenbreitstein. Wochenlang vorher freute sich ihr Papa auf diesen einen Tag. Ich fühle es und frage mich aber auch, wie es ist, zu wissen, dass auch dieser Tag vorbeigehen wird? Ich muss lernen zu verstehen, dass Todkranke den einen Augenblick erleben können. „Die Zeit für die Gäste bei uns hat eine ganz andere Bedeutung“, erzählt Dr. Schencking. „Sie steht, und jeder Moment dauert viel länger.“ Kennen Sie den Augenblick, wenn Sie vor der Mikrowelle stehen und ungeduldig warten, dass die Zeit abläuft? Tick Tack. Wie verschwenderisch wir sind. Für den Gast im Hospiz ist der Sonnenaufgang ein Schauspiel, das Zwitschern der Vögel ein unvergleichbares Konzert und das Jauchzen der Kinder im Kindergarten nebenan eine Reise in die eigene Kindheit zurück. Nur der eine Augenblick zählt.

Ein paar Tage war Nadine Gast im Hospiz und übernachtete kostenfrei in einem der wohnlichen Angehörigenzimmer. Ganz nah beim Vater sein. Vielleicht noch die Worte sprechen, die nicht gesagt worden sind. Mein Vater war vor etwa zehn Jahren an Demenz erkrankt. Es fing alles ganz harmlos an. Er erzählte eine seiner wunderbaren Geschichten aus seiner Zeit als Zechenarbeiter im Ruhrgebiet mit einer wunderbaren, lustigen Anekdote. Nur wenige Minuten später wiederholte er genau die gleiche Geschichte. Ich lachte an der gleichen Stelle wieder und ließ mir nichts anmerken, aber ich wusste, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Ich bin dankbar für die Zeit, denn ich fragte ihn alles aus, was ich immer wissen wollte, von ihm und meiner Mutter. Am Ende war alles gesagt und der Abschied begann. Mein Vater hatte nicht dieses unglaubliche Glück, in einem Hospiz gehen zu dürfen. Im vergangenen Jahr verstarb er in einem Krankenhaus, ohne reden zu können. Es war kein schöner Abschied. Wir waren tagelang bei ihm, aber der Abschied war schon viel früher gewesen. Ob er noch wusste, dass wir da sind, weiß ich nicht, aber immerhin konnten wir seine Hand halten. Mein Vater war mir fremd geworden und ich glaube, dass er das nie gewollt hätte.

So unfassbar stark Nadine auch ist, so war in jedem ihrer Worte zu spüren, wie es ihr ging. Auf der einen Seite der bevorstehende Abschied und auf der anderen Seite die Erleichterung, dass ihr Vater noch einmal leben darf, denn genau das ist es im Hospiz. Es ist nicht das Sterben, sondern das Leben für ein paar Tage. Die Patienten sind Gäste in einer 5-Sterne-Wohlfühloase mit hochemphatischen Begleitern. Ich mag sie an der Stelle nicht Pfleger nennen, denn es ist viel mehr. Neugierig empfangen sie jeden neuen Gast und freuen sich auf die Zeit mit ihm. Das mag verrückt klingen, aber kann es etwas Schöneres geben?

Im Eingangsbereich steht die offene Küche, an der Seite stehen Musikinstrumente. Dr. Schencking erzählt, dass vor ein paar Tagen ein Gast sich eine Gitarre holte und leise im Zimmer spielte. Wie begreifen wir Menschen das Leben nur, ohne zu verdrängen? Können wir in dem einen Augenblick verharren? Viel zu oft lassen wir uns von Narzissten vereinnahmen, die nur um sich selbst kreisen. Sie reden geschickt, doch ihre Welt endet bei sich selbst. Solche Begegnungen rauben uns wertvolle Zeit – Zeit, die wir besser in echte Verbindungen investieren sollten. Und genau solche Menschen muss man aus seinem Leben verbannen.

Noch sieben Tage. Bis zum 31. März ist der Aufenthalt für Nadines Vater im Hospiz von den Krankenkassen genehmigt. Sterben mit Ablaufdatum. Die Perversion eines Systems, in dem das Leben kaum zählt, denn das Sterben ist Teil des Lebens – und darf man nicht in Würde gehen? Nicht jeder hat das große Glück, einen Platz im Hospiz zu bekommen. Meist wird er erst kurz vor dem tatsächlich vermuteten Sterbedatum gewährt. „Im Durchschnitt bleiben die Gäste etwa vier bis sechs Tage im Hospiz“, erklärt Dr. Schencking. Ich wünschte den Gästen mehr Zeit.

Mein Traum war es immer, mich verabschieden zu dürfen. Ich möchte keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall, sondern die Hand meiner Frau halten dürfen. Vielleicht ist das egoistisch, aber auch der Tod ist kein Wunschkonzert. Was mag die Gäste im Hospiz beschäftigen? Sie wissen, dass es ein Abschied ist. Ein Leben lang begleitete Nadine ihren Vater auf ihrem Lebensweg. Mal weiter weg, aber er war immer erreichbar. Diesmal gibt es keinen gemeinsamen Weg mehr. Keinen Urlaub zusammen und auch keinen Spaziergang mehr. Ihr Vater wird den letzten Schritt alleine gehen müssen. Ein Weg ins Licht oder in die Dunkelheit? Ihr habt euch sicherlich auch mit dem Thema beschäftigt. Was kommt danach? Nur noch Stille? Ein Nichts oder eine Erkenntnis? Wird man sich wiedersehen? Ich habe einen Kloß im Hals. Wie wird es wohl Nadine ergehen?

Mein Blick auf das Nassauer Hospiz hat sich noch einmal nachhaltig verändert. „Wer nur ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt“ ist ein hebräischer Spruch. Und ja: Ihr ermöglicht Leben für die letzten Tage. Ihr hört zu, haltet und lest denen vor, die keine Stimme mehr haben. Danke, dass es euch gibt.

90 Prozent der Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. „Keine Selbstverständlichkeit“, wie Dr. Schencking erklärt. Früher wurde das nahezu gar nicht gefördert, und Krankenhausträger nahmen das auf ihre eigene Kappe. Soll man jetzt dankbar sein für 90 % Förderung? Die restlichen zehn Prozent für ein würdiges Sterben werden durch Spenden erbracht. Danke an die tollen Spender – doch auch hier läuft doch wohl etwas falsch. Die stellvertretende Pflegedienstleiterin Kerstin Vogt erzählt mir, wie sie einem Gast eine Aromatherapie auf die Haut einrieb und wie sehr sich der Mann freute. Sie spielten zusammen ein Gesellschaftsspiel und lachten. Dafür ist kein Geld da, liebe Krankenkasse?

Jeder Gast im Haus hat sein Buch des Lebens geschrieben. Ein unglaublicher Schatz und so wertvoll. Muss man dem nicht genauso begegnen? Ich bin dem Hospiz dankbar und auch Nadine, denn auch mir hat das ein Stück weit die Augen geöffnet. Ich bin 54 Jahre alt. Ich habe einen Job, der kaum Zeit für die Familie lässt. Im seltenen Urlaub sitze ich am Pool und schreibe auf dem Notebook. Ich funktioniere. Gemeinsamkeiten habe ich mit meiner geliebten Frau, wenn ich auf Reportagen unterwegs bin. Sie hilft – und das war dann oft die Zweisamkeit. Ist euch etwas in den vergangenen Tagen aufgefallen? Ja, genau. Es kam weniger im BEN Kurier. Draußen schien die Sonne. Wir setzten uns früh nachmittags in den Hof, holten ein Kartenspiel heraus, im Hintergrund lief das Radio, und wir verbrachten eine echt gute Zeit miteinander. Wir redeten, hörten einander zu und hatten Spaß.

Das Gleiche machten wir in den Tagen darauf. Leben. Wie oft gehe ich mit meiner Zeit um, als wäre sie unendlich. Dort die Glotze und nicht zu vergessen die sozialen Medien und das Handy. Vor ein paar Wochen trafen wir uns daheim mit Freunden zu einem Karaokeabend. Oh, wie wertvoll. Nicht, dass wir singen können, sondern einfach mit unfassbar tollen Menschen gemeinsam Zeit zu verbringen. Zu sehen, wie fröhlich sie sind, wie sie lachen und ungezwungen miteinander umgehen. Auch ich muss erst einmal wieder lernen zu leben – und es wird echt Zeit. Danke an das Hospiz für den Einblick, für eure unfassbar große Empathie und Wärme und dafür, dass ihr es schafft, ohne Worte aufzuzeigen, was das Leben wirklich bedeuten kann.

Und eines wird mir am Ende noch bewusster: Es gab so einige Unbelehrbare zum Hospiz. Es gab Bedenken. Jeder darf protestieren und seine Meinung äußern, aber mich beschämt das. Unter anderem wurde das begründet mit der Sorge, dass Rettungswagen mit hoher Lautstärke anfahren könnten oder man den Kindern nebenan in der Kita das nicht antun könnte, todkranke Menschen zu sehen. Was ist nur los mit der Gesellschaft? Nein, die Gäste kommen nicht mit Blaulicht, und die Kinder sind es, die Menschen als Menschen sehen und nicht die Krankheit. Wie verlogen muss man denn nur sein?

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