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Gesundheit

Kenny spendet Knochenmark – Leben retten kann so einfach sein! – Eine interessante Geschichte aus dem Rhein-Lahn-Kreis

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Zubereitungsset Hormonpräparat G-CSF

RHEIN-LAHN Es ist ein Donnerstagnachmittag und ich lege gerade meinen Sohn zum Mittagsschlaf, als wir einen Anruf bekommen. Irgendjemand von der DKMS wolle etwas von mir, teilt mir meine Frau mit. Die DKMS ist die Deutsche Knochenmarksspenderdatei. Diese Organisation ist eine von ungefähr 30 in Deutschland, die sich um die Knochenmarksspende kümmert, einem Verfahren das in den 1960er-Jahren entwickelt wurde um Krankheiten wie Leukämie, im Volksmund als Blutkrebs bekannt, sowie andere schwere Erkrankungen zu behandeln. Bis Ende der 1980er Jahre bedeutete die Diagnose und Behandlung Blutkrebs in vielen Fällen den Tod, da die Nebenwirkungen schwer in den Griff zu bekommen waren und das Verfahren kompliziert war.

Aber das hat sich geändert. Auch dank der DKMS. Überrascht gehe ich ran, jahrelang hatte ich die Spenderkarte im Portmonee und habe sonst keinen Gedanken daran verschwendet. Es ist fast zwanzig Jahre her, dass ich mich als Spender registriert habe. Als junger Soldat waren Dinge wie Blutspende, Typisierung und andere solidarische Möglichkeiten für mich und meine Kameraden selbstverständlich. Vor einigen Jahren habe ich das letzte Mal an die DKMS im Rahmen eines Umzugs gedacht und meine Daten aktualisiert. Denn der Datenschutz wiegt schwer bei der DKMS und wenn jemand unbekannt verzieht ist es quasi unmöglich für die Mitarbeiter den- oder diejenige ausfindig zu machen.

Das Problem dabei: Für die Spende benötigt man jemanden, der sehr viele spezielle genetische Merkmale mit dem Empfänger teilt, so ein bisschen vorstellbar wie bei einem Zwilling. Bei mehr als 20.000 verschiedenen Genen ist die Chance auf eine Übereinstimmung also gering. Und wenn derjenige, der passen würde registriert und unbekannt verzogen ist, ist das für die Mitarbeiter frustrierend. Denn dahinter stehen Schicksale, Schmerz und Leid und eben dann in vielen Fällen auch der Tod. Daher sollten auch bereits registrierte Personen ihre Daten regelmäßig abgleichen.

Ich führe mit der Frau von der DKMS ein ungefähr 15-minütiges Telefonat. Dabei gleicht sie Gesundheitsdaten ab, stellt mir einige medizinische Fragen nach meiner Konstitution und klärt
mich über den Ablauf des Verfahrens auf. Klar wird direkt eines: Die Ernsthaftigkeit des Verfahrens. Meine bisher gesammelten Daten ergeben die Möglichkeit, dass ich als Spender in
Frage käme. Ob das aber so ist muss in weitergehenden Untersuchungen geklärt werden. Der Patient erfährt über diese Suche und ihren Erfolg bzw. Misserfolg erstmal nichts, da die emotionale Belastung immens wäre und die Suche aufwendig ist. Denn gespendet und gesucht wird weltweit und nicht nur auf Deutschland begrenzt. Alles anonymisiert, auch die Mitarbeiter der DKMS wissen nur das nötigste.

Zubereitungsset Hormonpräparat G-CSF

Innerhalb eines Tages bekomme ich ein kleines Päckchen zugesendet mit Infomaterial, Briefen für meinen Hausarzt und Röhrchen für eine Blutentnahme. Beim Arzt bekomme ich sofort einen Termin für die Untersuchung, man nimmt mich dazwischen und behandelt mich gut. Jedem Beteiligten ist klar, dass es um Zeit, Leben und Tod geht. Die entstehenden Kosten übernimmt dabei komplett und unbürokratisch die DKMS. Wobei die Arzthelferin, welche mir Blut abnimmt mir mitteilt, dass sie das umsonst machen und nicht abrechnen. Denn die Arbeit der DKMS ist gemeinnützig, es geht nicht um Profite und die Prozesse sind aufwendig und teuer.

Arzthelfer arbeiten umsonst um Leben zu retten

Auch ich verzichte auf Lohnausfall, Spritkosten und Co. Helfen ist eine Selbstverständlichkeit und muss nicht belohnt werden. So ist zumindest meine Herangehensweise an das Ganze. Das abgenommene Blut kommt in einem Karton, den ich einfach in den Briefkasten werfen kann. Ab hier kann es unterschiedlich lang dauern, bis eine Rückmeldung kommt. Ein anderer Spender
berichtet davon, dass er 7 Wochen auf eine Nachricht gewartet hat. Ich erhalte meine Nachricht allerdings schon nach wenigen Tagen – Ich kann Spender werden. Dabei geht die DKMS immer schnell vor auf dem Informationsweg. Ich bekomme eine E-Mail, einen Anruf und auch eine SMS. Damit jede Info auch wirklich bei mir ankommt. Ich werde in eine spezielle Blutentnahmeklinik in Frankfurt gebeten, in der ich ungefähr einen halben Tag untersucht werde.

Wo es für mich räumlich am günstigsten ist, kann ich mir aussuchen beziehungsweise als Wunsch äußern, der Bedarf des Patienten und der Zeit geht allerdings vor. Die Voruntersuchung ist bereit eine knappe Woche später, aber man geht stets auf meine Terminbedürfnisse ein. Mit der Spende zum Beispiel: Ich fliege im Oktober in die USA und teile das auch mit und so wird dieser Zeitraum ausgeschlossen. Wobei ich auch meine Bereitschaft äußere, diesen Flug zu stornieren. Das Leben eines anderen Menschen geht vor. Aber auch das ist kein Problem, man versucht alles es zeitlich passend zu halten und so kann ich Ende September spenden.

Genaue Untersuchungen bevor gespendet wird

Bei der Voruntersuchung muss ich Fragebögen ausfüllen, wie man das vom Arzt schon kennt. Mir wird erneut Blut und auch Urin abgenommen und meine Milz wird per Ultraschall untersucht. Dabei checkt der Arzt auch noch den Rest meines Körpers. Ich weiß also jetzt, dass ich zumindest im Oberkörper recht gesund bin. Im Laufe der Vorbereitungen zur Spende wird meine Milz anschwellen, deshalb ist diese Untersuchung wichtig. Aber dazu später mehr. Die Laborergebnisse bekomme ich einige Tage später per Post und die sind umfangreich.

Neben den üblichen Standardwerten wurde untersucht auf Toxoplasmose, Herpes-Viren und viele andere Krankheiten. Denn der Empfänger wird aus meinen Zellen neues Knochenmark bilden und ein extrem schwaches Immunsystem haben. Daher könnten bestimmte Vorerkrankungen die Patienten gefährden. Aber ich bin immer noch spendetauglich. Das freut mich. Ab hier wird es ernst. Richtig ernst. Denn: Wir machen den eigentlichen Spendertermin aus. Ungefähr 10 Tage vor meiner Spende wird aber beim Empfänger damit begonnen, sein Knochenmark zu zerstören.

Damit er von mir neues bekommen kann. Wenn ich in diesen 10 Tagen einen Rückzieher mache, mir etwas passiert oder etwas das Verfahren verzögert, bedeutet das mit fast 100% Sicherheit den Tod des Empfängers. Das macht man mir sehr deutlich klar. Für mich steht das nie in Zweifel, aber man muss sich halt bewusst sein, dass es für mich nur ein paar Nadelpeikser sind. Für die empfangende Person ist es aber Hoffnung. Oft die letzte und einzige. Ich verdrücke mir eine Träne, dass ist schon eine emotionale Last. Aber mir hilft der Gedanke, dass es jemand anderen schlecht geht und es jede Sekunde wert ist. Egal ob es schmerzhaft, anstrengend oder „gefährlich“ aufgrund möglicher Nebenwirkungen wird. Es könnte auch mein 3- jähriger Sohn sein. Oder meine Frau. Oder ich. Krebs kennt keine Altersgrenze und ist immer ein Schicksal.

Ich mache einen letzten Coronatest ungefähr zwei Wochen vor dem Spendetermin und sende ihn per Post ins Spendezentrum. Auch hier ein negatives Ergebnis, ab jetzt kommt der
„unangenehme“ Teil: Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Da müssen sie aber raus. Früher wurde dazu aus dem Beckenkamm Knochenmark entnommen und auch heute ist das manchmal noch nötig. Ein kleiner Eingriff, aber ein Eingriff. Anfang der 90er entdeckte man allerdings ein Verfahren, um Stammzellen aus dem Blut zu entnehmen.

Man fand heraus: Im Rahmen einer Erkrankung werden vermehrt Leukozyten gebildet, die weißen Blutkörperchen. Der Vorgänger dieser Zellen befindet sich im Knochenmark, wird dann erst zur Leukozyte und wandert ins Blut. Aber auch einige Zellen ohne „fertige Funktion“ gelangen dabei in den Kreislauf, sie können quasi alles werden was sie wollen. Und genau das sind die Stammzellen. Um diesen Prozess künstlich zu provozieren, hat man das körpereigene Hormon G-CSF als geeignet ausgemacht. Über einige Tage in höheren Dosen verabreicht, erzeugt es beim Körper das Bedürfnis Leukozyten herzustellen. Und das tut er dann auch fleißig.

Durch die Gabe von G-CSF erhöht sich die Anzahl der weißen Blutkörperchen in kurzer Zeit auf um das 3-10fache. Und somit eben auch die Anzahl der freien Stammzellen im Blut. Das Hormon muss allerdings gespritzt werden. Zweimal täglich. Damit man nicht ständig zu Unzeiten einen Arzt dafür finden muss, wird es zur Selbstanwendung mitgegeben. Für jeden Tag erhält man zwei Pakete mit einer Spritze und der vorzubereitenden Lösung. Das ganze spritzt man sich dann selbst wie man es von einer Thrombosevorbeugung oder Insulinspritze kennt in Bauch oder Oberschenkel. Kurze Nadel, kaum spürbar und nicht nennenswert.

Aber es gibt Nebenwirkungen, und die bekommt man sehr wahrscheinlich: Knochen- und Gliederschmerzen gibt es häufig und auch ich spüre es. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Muskelkater, kaum mehr. Die Milz vergrößert sich und tatsächlich spüre ich meine Milz. Dieses Organ lebte bis dato eher unauffällig in meinem Körper, aber jetzt kann ich es fühlen. Oder bilde es mir zumindest ein. Die Vergrößerung bedeutet jedoch auch die Gefahr eines Risses der Milz bei Kraftanstrengung oder heftigen Erschütterungen. Von Kraftsport und Boxen wird mir dringend abgeraten. Und das sollte man auch ernst nehmen. Die Hebebegrenzung von 10 Kilo ist allerdings mit einem 3jährigen schwer umsetzbar. Aber ich habe überlebt, es ging also. Ein bisschen Vorsicht lässt man aber dann doch besser walten. Diese Nebenwirkung waren problemlos ertragbar, man erhält auch Schmerzmittel für den Fall das man sie benötigt und kann sich auch jederzeit krankschreiben lassen. Beides ist bei mir nicht notwendig.

Einzig am Tag vor der Spende teilt mir mein Körper beim Arbeiten durch Herzrasen mit, dass ich nach vier Tagen spritzen etwas kürzer treten soll. Das kommt mir aber recht, den am nächsten Tag heißt es früh aufstehen um morgens im Spendezentrum anzukommen. Man sollte seine gesamte Morgentoilette erledigt haben, denn aufstehen während der Spende ist nicht möglich. Man bekommt ein bequemes Bett zugewiesen und muss dann beide Arme hergeben. In einem Arm wird das Blut entnommen, in eine Maschine geführt und von den Stammzellen befreit. Der Rest Blut kommt wieder zurück durch einen normalen Venenkatheter. Auf der Entnahmeseite muss allerdings eine größere Nadel im Arm verbleiben. Diesen darf man während der 3-5 Stunden dauernden Prozedur auch nicht bewegen. Das und die Tatsache, dass ich nach 3 Stunden Blasendruck verspüre, sind allerdings die größten Probleme und gerade mit Blick auf das Empfängerleid sehr leicht erträglich. Solidarität heißt eben auch mal Unbequemlichkeit, da kann jeder mal durch. Ich werde durchgehend gut betreut, alle sind unfassbar freundlich und gut gelaunt, eine Wohltat in unserem überlasteten Medizinsystem. Wir sind vier Spender unterschiedlicher Altersgruppen. Keiner von uns hat größere Nebenwirkungen.

Einzig durch einen Wirkstoff an der Nadel, der verhindert, dass die Nadel verstopft, wird Calcium im Körper abgebaut. Das führt zu kribbeln und kann auch zu Muskelkrämpfen führen. Als das Kribbeln bei mir einsetzt, nach ungefähr zehn Minuten, beobachte ich diese Entwicklung genau. Es beginnt in den Fingerspitzen und ich bin mir nicht sicher ob es am steifen Arm liegt. Als aber meine Lippen kribbeln und meine Zähne sich stumpf anfühlen, sage ich dann doch dem Personal bescheid. Ich will keinen Krampf im Arm riskieren während da eine Nadel drinnen steckt. Das Personal hängt aber einfach einen Beutel Calcium-Infusion an meinen Arm und sofort verschwindet das Gefühl. Ich höre ein Hörbuch, unterhalte mich mit dem Personal und nicke auch nochmal kurz ein. Wann die Spende beendet ist, wird zu Beginn berechnet. Als ich nach drei Stunden also wirklich dringend pinkeln muss, entschließe ich mich, die letzte halbe Stunde durchzuhalten um nicht im Liegen in eine Flasche zu urinieren.

Das wäre jederzeit möglich, auch ein großes Geschäft ist machbar, aber man muss dem Personal und sich selbst das Leben ja nicht schwer machen. Der stillgelegte Arm ist nach dieser Zeit auch etwas steif und unangenehm, aber ich hatte deutlich schlimmere Tage im Leben, also einfach kurz wegatmen und die letzte halbe Stunde abwarten. Nachdem ich und der Apparat wieder von einander getrennt sind, kann ich auch sofort aufstehen. Anders als bei der Blutspende verliert man kaum Blut im Kreislauf und keiner von uns hatte daher Probleme mit Schwindel oder ähnlichem. Es ist ein bisschen kühl, da das zurückerhaltene Blut nicht extra erwärmt wird, aber auch das ist verkraftbar und durch warme Kleidung und eine Decke die man erhält ausgleichbar.

Ich muss noch eine halbe Stunde auf die Ergebnisse warten um sicherzustellen, dass die Zellenanzahl ausreichend war und werde auch hier nochmal mit leckerem Essen und Getränken versorgt. Dann kann ich gehen. Ich habe hoffentlich jemand anderen das Leben geschenkt oder zumindest Hoffnung. Ein emotionaler Moment, der wirklich glücklich macht. Egal ob Kind oder Greis, Schwarz oder weiß: Wenn mich jemand fragt, was ein Leben wert ist, kann ich jetzt immer sagen: Mindestens ein bisschen Blut und Zeit. Eigentlich kein hoher Einsatz.

Trotzdem sind weltweit nicht genug Menschen registriert. Alle 12 Minuten erfährt in Deutschland jemand das er Blutkrebs hat. Oftmals Kinder. Und jeder zehnte Erkrankte findet einem Artikel des Ärzteblatts nach keinen Spender. Zumindest ich finde das zuviel. Jeder sollte einen Spender finden können, jeder der kann sollte sich typisieren lassen. Es ist kostenlos, unaufwendig und einfach. Bis zum 61. Lebensjahr kann man bei der DKMS spenden. Es gibt einige Ausschlusserkrankungen, aber das findet man alles im Rahmen der Typisierung heraus.

Ich empfehle im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements in Firmen gerne, die DKMS einzuladen oder Sets zur Typisierung zu besorgen. Egal ob DKMS oder einer der anderen Anbieter zur Typisierung: Es ist für alle eine Herzenssache und man sollte jeden immer wieder darauf stoßen sich anzumelden. Mundabstrich machen, wegschicken, fertig. Haben wir während der Coronakrise alle tausend Mal gemacht, einmal mehr sollte kein Thema sein. Leben retten kann so einfach sein, daher meine persönliche Bitte an Sie: Lassen Sie sich typisieren. Seien Sie für einen Sohn, eine Mutter oder einen Opa eine letzte Hoffnung. Es lohnt sich. Versprochen. (Autor und Fotos: Kenny Kirstges)

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Tolles Engagement: 14 Ehrenamtler lassen sich zum Hospizbegleiter ausbilden!

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Foto: Ellen Alsbach

NASSAU Vierzehn Frauen und Männer lassen sich derzeit von den Ambulanten Hospizdiensten Rhein-Lahn zum/zur ehrenamtlichen Hospizbegleiter/in qualifizieren. Dabei geht es um die Sterbebegleitung sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Jetzt waren die Teilnehmer/innen im Altenheim Hohe Lay in Nassau zu Gast.

Es war ein sehr gelungener Nachmittag. Die Kursteilnehmer/innen konnten viele neue Eindrücke und weitere Methoden und Erkenntnisse in der Versorgung von Menschen in der letzten Lebensphase mitnehmen“, bedankte sich Hospizkoordinator Jürgen Ackermann bei den Verantwortlichen im Haus Hohe Lay, einem Kooperationspartner der Hospizdienste, für den einfühlsam gestalteten Nachmittag.

Antje Illing, stellvertretende Leitung soziale Betreuung des Hauses Hohe Lay, hatte die zukünftigen Hospizbegleiter/innen in Empfang genommen und den Umgang in der Palliativversorgung der Bewohner in der letzten Lebensphase in einem sehr umfangreichen Vortrag anschaulich vermittelt. Anschließend wurden praktische Handhabungen zum Beispiel bei der Aromatherapie, basalen Stimmulation oder bei der Mundpflege mit Selbstübungen erprobt. Die Kombination von Aromatherapie und basaler Stimulation verstärkt die positiven Effekte beider Methoden und schafft eine umfassende Unterstützung für den Sterbenden. Der beruhigende Duft von ätherischen Ölen kann das Wohlbefinden zusätzlich fördern, während die sanften Berührungen der basalen Stimulation ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Zusammen tragen sie dazu bei, die letzten Tage und Stunden des Lebens möglichst friedlich in einer Atmosphäre des Vertrauens zu gestalten.

Der umfangreiche Hausrundgang über alle Wohnbereiche wurde im „Raum der Stille“ abgeschlossen. Hier haben die Angehörigen noch einmal die Möglichkeit, sich von ihren Lieben zu verabschieden (Text: Christine Vary).

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Das Projekt Ärztehaus in Singhofen geht weiter

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Foto: Gemeinde SInghofen

SINGHOFEN Es ist jetzt ein gutes Jahr her, dass auf dem Grundstück unterhalb des Zustellstützpunktes der Deutschen Post in Singhofen das Areal für das Zukunftsprojekt „Ärztehaus mit Apotheke“ abgesteckt wurde. Seitdem ist einiges passiert: Die Bauphasen 1-3 (Grundlagenermittlung, Vorplanung und Entwurfsplanung) sind abgeschlossen. Nach einer Sitzung des Ortsgemeinderates am 9.9.2024 sollte in der Bauphase 4 (Genehmigungsplanung) aufgrund der dann vorliegenden Kostenschätzung über das weitere Vorgehen entschieden werden.

Nach damaligem Beschluss sollen die Kosten auf eine Höhe von 2.250.000 Euro einschließlich Grundstück und abzüglich LEADER-Förderung in Höhe von 250.000 Euro begrenzt werden, sodass aus der Rücklage maximal 2.000.000 Euro entnommen werden müssen. Inzwischen befinden wir uns in der Bauphase 4 und der Ortsgemeinderat musste in seiner Sitzung am 10.3.2025 aufgrund der umfangreichen Planzahlen aller Gewerke darüber entscheiden, ob und wie es weitergeht. Herr Maxeiner, der für die gesamte Maßnahme die Steuerung übernommen hat, stellte in der nicht-öffentlichen Sitzung, an der auch der Bauausschuss teilnehmen durfte, alle Details zum Gebäude vor. Demnach lag die Kostenschätzung bei ca. 2.550.000 Euro und überschritt abzüglich der Förderung die geplante Investition um 300.000 Euro. Seitens des Rates wurde der Bau des Ärztehauses ohne Apotheke ins Spiel gebracht, die geschätzten Kosten liegen hier bei 1.860.000 Euro.

Auf dieser Grundlage beschloss der Ortsgemeinderat den Bau des Ärztehauses ohne Apotheke. Die dadurch erforderlichen Änderungen in der Planung und die notwendige Anpassung des Bebauungsplanes könnten zu leichten Verzögerungen führen, dennoch hat Herr Maxeiner mit einem Antrag auf vorzeitigen Baubeginn die Fertigstellung im Sommer 2026 in Aussicht gestellt.

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Leben bis zuletzt: Ein Besuch im Nassauer Hospiz, der alles verändert

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Foto: BEN Kurier

NASSAU Anthony Hopkins sagte einmal: „Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, Euch wie Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen, spaziert in der Sonne, springt ins Meer, sagt die Wahrheit und tragt Euer Herz auf der Zunge. Seid albern, komisch und freundlich, denn für nichts anderes ist Zeit.“ Er hat so Recht.

Vor ein paar Tagen waren wir zum Pressegespräch ins Hospiz in Nassau eingeladen. Seit Tagen versuche ich zu begreifen, was dort geschehen ist und wie ich es in Worte fassen kann. Neben mir sitzt Dr. Schencking, der Initiator des Hospizes in Nassau, dazu die Hospizleitung Hanne Benz und die stellvertretende Pflegedienstleitung Kerstin Vogt. Auf dem Tisch stehen Plätzchen, dazu Kaffee und Wasser. Seit gut zwei Monaten ist das Hospiz geöffnet. Es war ein langer Weg und ein harter Kampf, doch heute sollte mir klar werden, wie wertvoll das Haus ist.

Vor dem Tod blicken wir nur zu gerne weg. Es ist etwas, womit wir uns nicht beschäftigen wollen und was wir ausblenden. Oh Anthony, du wirst in der Geschichte noch so recht behalten. An der Stelle könnte eigentlich alles enden, bevor es angefangen hat, wenn uns nicht ein Spiegel vor Augen gehalten worden wäre. Mit „wir“ ist an der Stelle der Kollege der Printpresse gemeint, den ich an dem Tag nicht als Konkurrenten betrachtete, sondern ihn vielmehr beobachtete, um zu fühlen, was er spüren würde. Vorab: Meine Achtung ist da gewaltig gestiegen.

Nadine Raab aus München betritt den Raum. Die Mitvierzigerin hält einen langen, handgeschriebenen Zettel in der Hand. Das kennt man so gar nicht mehr. Mit Füllfederhalter schien sie die Worte vorbereitet zu haben, die sie der Presse mitteilen wollte. Nadine ist Angehörige. Ihr Vater ist als Gast ins Hospiz zum Sterben gekommen. Ja, Gast, wie uns die stellvertretende Pflegedienstleiterin erklärt. Es gibt keine Patienten mehr im Hospiz. Es soll ein Ort sein, wo man aufleben darf. Leben. So surreal in dem Augenblick. Und doch ist es so. Man kommt nicht ins Hospiz zum Sterben, sondern zum Leben. Noch einmal leben dürfen, ohne Schmerzen und im Hier und Jetzt zu sein.

Wortlos sieht uns Nadine fragend an. Sie setzt sich, legt den sorgfältig vorbereiteten Zettel beiseite und beginnt bedächtig zu reden. Bei ihrem Vater wurde bei einer Zufallsuntersuchung ein Gehirntumor festgestellt. In dem Augenblick ist alles anders. Nicht nur der Betroffene wird aus dem Leben gerissen, sondern es ist ein nicht wahrzuhabender Abschied für alle. Zukunftspläne verschwinden und es ist nur noch der Augenblick, der zählt. Während Nadine leise spricht, versuche ich, sie zu lesen. Was mag sie empfinden? Es sind nicht die Worte, die sie spricht, sondern die traurigen Züge in ihrem Gesicht und die gebrochenen, kurzen Momente.

Das hier ist kein Job, es ist das reale Leben. Ich beobachte meinen mir gegenübersitzenden Kollegen. Er spricht kein Wort, hört zu, und auch ihn scheint die Situation ergriffen zu haben. „Mein Vater wurde zunächst auf einer Palliativstation versorgt“, erzählt Nadine. Zeit, ja Zeit, die gab es dort nicht für die Patienten. Das System der Patientenversorgung lässt kaum Raum für Menschlichkeit. Die Pflegenden wollen helfen – genau deshalb haben sie diesen Beruf gewählt. Doch unser Gesundheitswesen zwingt sie in ein Korsett aus Zeitvorgaben. Jede Minute ist durchkalkuliert, doch das Wichtigste bleibt oft auf der Strecke: Zeit für den Patienten. Das nette Wort, ein Halten der Hand und Zuhören. Dafür haben die Pflegekräfte einmal die Berufswahl getroffen und wurden genau darum betrogen.

Nadine erzählt vom Wünschewagen. Noch einmal fuhr sie mit ihrem Vater zu seinem Zuhause und besuchte die Burg Ehrenbreitstein. Wochenlang vorher freute sich ihr Papa auf diesen einen Tag. Ich fühle es und frage mich aber auch, wie es ist, zu wissen, dass auch dieser Tag vorbeigehen wird? Ich muss lernen zu verstehen, dass Todkranke den einen Augenblick erleben können. „Die Zeit für die Gäste bei uns hat eine ganz andere Bedeutung“, erzählt Dr. Schencking. „Sie steht, und jeder Moment dauert viel länger.“ Kennen Sie den Augenblick, wenn Sie vor der Mikrowelle stehen und ungeduldig warten, dass die Zeit abläuft? Tick Tack. Wie verschwenderisch wir sind. Für den Gast im Hospiz ist der Sonnenaufgang ein Schauspiel, das Zwitschern der Vögel ein unvergleichbares Konzert und das Jauchzen der Kinder im Kindergarten nebenan eine Reise in die eigene Kindheit zurück. Nur der eine Augenblick zählt.

Ein paar Tage war Nadine Gast im Hospiz und übernachtete kostenfrei in einem der wohnlichen Angehörigenzimmer. Ganz nah beim Vater sein. Vielleicht noch die Worte sprechen, die nicht gesagt worden sind. Mein Vater war vor etwa zehn Jahren an Demenz erkrankt. Es fing alles ganz harmlos an. Er erzählte eine seiner wunderbaren Geschichten aus seiner Zeit als Zechenarbeiter im Ruhrgebiet mit einer wunderbaren, lustigen Anekdote. Nur wenige Minuten später wiederholte er genau die gleiche Geschichte. Ich lachte an der gleichen Stelle wieder und ließ mir nichts anmerken, aber ich wusste, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Ich bin dankbar für die Zeit, denn ich fragte ihn alles aus, was ich immer wissen wollte, von ihm und meiner Mutter. Am Ende war alles gesagt und der Abschied begann. Mein Vater hatte nicht dieses unglaubliche Glück, in einem Hospiz gehen zu dürfen. Im vergangenen Jahr verstarb er in einem Krankenhaus, ohne reden zu können. Es war kein schöner Abschied. Wir waren tagelang bei ihm, aber der Abschied war schon viel früher gewesen. Ob er noch wusste, dass wir da sind, weiß ich nicht, aber immerhin konnten wir seine Hand halten. Mein Vater war mir fremd geworden und ich glaube, dass er das nie gewollt hätte.

So unfassbar stark Nadine auch ist, so war in jedem ihrer Worte zu spüren, wie es ihr ging. Auf der einen Seite der bevorstehende Abschied und auf der anderen Seite die Erleichterung, dass ihr Vater noch einmal leben darf, denn genau das ist es im Hospiz. Es ist nicht das Sterben, sondern das Leben für ein paar Tage. Die Patienten sind Gäste in einer 5-Sterne-Wohlfühloase mit hochemphatischen Begleitern. Ich mag sie an der Stelle nicht Pfleger nennen, denn es ist viel mehr. Neugierig empfangen sie jeden neuen Gast und freuen sich auf die Zeit mit ihm. Das mag verrückt klingen, aber kann es etwas Schöneres geben?

Im Eingangsbereich steht die offene Küche, an der Seite stehen Musikinstrumente. Dr. Schencking erzählt, dass vor ein paar Tagen ein Gast sich eine Gitarre holte und leise im Zimmer spielte. Wie begreifen wir Menschen das Leben nur, ohne zu verdrängen? Können wir in dem einen Augenblick verharren? Viel zu oft lassen wir uns von Narzissten vereinnahmen, die nur um sich selbst kreisen. Sie reden geschickt, doch ihre Welt endet bei sich selbst. Solche Begegnungen rauben uns wertvolle Zeit – Zeit, die wir besser in echte Verbindungen investieren sollten. Und genau solche Menschen muss man aus seinem Leben verbannen.

Noch sieben Tage. Bis zum 31. März ist der Aufenthalt für Nadines Vater im Hospiz von den Krankenkassen genehmigt. Sterben mit Ablaufdatum. Die Perversion eines Systems, in dem das Leben kaum zählt, denn das Sterben ist Teil des Lebens – und darf man nicht in Würde gehen? Nicht jeder hat das große Glück, einen Platz im Hospiz zu bekommen. Meist wird er erst kurz vor dem tatsächlich vermuteten Sterbedatum gewährt. „Im Durchschnitt bleiben die Gäste etwa vier bis sechs Tage im Hospiz“, erklärt Dr. Schencking. Ich wünschte den Gästen mehr Zeit.

Mein Traum war es immer, mich verabschieden zu dürfen. Ich möchte keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall, sondern die Hand meiner Frau halten dürfen. Vielleicht ist das egoistisch, aber auch der Tod ist kein Wunschkonzert. Was mag die Gäste im Hospiz beschäftigen? Sie wissen, dass es ein Abschied ist. Ein Leben lang begleitete Nadine ihren Vater auf ihrem Lebensweg. Mal weiter weg, aber er war immer erreichbar. Diesmal gibt es keinen gemeinsamen Weg mehr. Keinen Urlaub zusammen und auch keinen Spaziergang mehr. Ihr Vater wird den letzten Schritt alleine gehen müssen. Ein Weg ins Licht oder in die Dunkelheit? Ihr habt euch sicherlich auch mit dem Thema beschäftigt. Was kommt danach? Nur noch Stille? Ein Nichts oder eine Erkenntnis? Wird man sich wiedersehen? Ich habe einen Kloß im Hals. Wie wird es wohl Nadine ergehen?

Mein Blick auf das Nassauer Hospiz hat sich noch einmal nachhaltig verändert. „Wer nur ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt“ ist ein hebräischer Spruch. Und ja: Ihr ermöglicht Leben für die letzten Tage. Ihr hört zu, haltet und lest denen vor, die keine Stimme mehr haben. Danke, dass es euch gibt.

90 Prozent der Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. „Keine Selbstverständlichkeit“, wie Dr. Schencking erklärt. Früher wurde das nahezu gar nicht gefördert, und Krankenhausträger nahmen das auf ihre eigene Kappe. Soll man jetzt dankbar sein für 90 % Förderung? Die restlichen zehn Prozent für ein würdiges Sterben werden durch Spenden erbracht. Danke an die tollen Spender – doch auch hier läuft doch wohl etwas falsch. Die stellvertretende Pflegedienstleiterin Kerstin Vogt erzählt mir, wie sie einem Gast eine Aromatherapie auf die Haut einrieb und wie sehr sich der Mann freute. Sie spielten zusammen ein Gesellschaftsspiel und lachten. Dafür ist kein Geld da, liebe Krankenkasse?

Jeder Gast im Haus hat sein Buch des Lebens geschrieben. Ein unglaublicher Schatz und so wertvoll. Muss man dem nicht genauso begegnen? Ich bin dem Hospiz dankbar und auch Nadine, denn auch mir hat das ein Stück weit die Augen geöffnet. Ich bin 54 Jahre alt. Ich habe einen Job, der kaum Zeit für die Familie lässt. Im seltenen Urlaub sitze ich am Pool und schreibe auf dem Notebook. Ich funktioniere. Gemeinsamkeiten habe ich mit meiner geliebten Frau, wenn ich auf Reportagen unterwegs bin. Sie hilft – und das war dann oft die Zweisamkeit. Ist euch etwas in den vergangenen Tagen aufgefallen? Ja, genau. Es kam weniger im BEN Kurier. Draußen schien die Sonne. Wir setzten uns früh nachmittags in den Hof, holten ein Kartenspiel heraus, im Hintergrund lief das Radio, und wir verbrachten eine echt gute Zeit miteinander. Wir redeten, hörten einander zu und hatten Spaß.

Das Gleiche machten wir in den Tagen darauf. Leben. Wie oft gehe ich mit meiner Zeit um, als wäre sie unendlich. Dort die Glotze und nicht zu vergessen die sozialen Medien und das Handy. Vor ein paar Wochen trafen wir uns daheim mit Freunden zu einem Karaokeabend. Oh, wie wertvoll. Nicht, dass wir singen können, sondern einfach mit unfassbar tollen Menschen gemeinsam Zeit zu verbringen. Zu sehen, wie fröhlich sie sind, wie sie lachen und ungezwungen miteinander umgehen. Auch ich muss erst einmal wieder lernen zu leben – und es wird echt Zeit. Danke an das Hospiz für den Einblick, für eure unfassbar große Empathie und Wärme und dafür, dass ihr es schafft, ohne Worte aufzuzeigen, was das Leben wirklich bedeuten kann.

Und eines wird mir am Ende noch bewusster: Es gab so einige Unbelehrbare zum Hospiz. Es gab Bedenken. Jeder darf protestieren und seine Meinung äußern, aber mich beschämt das. Unter anderem wurde das begründet mit der Sorge, dass Rettungswagen mit hoher Lautstärke anfahren könnten oder man den Kindern nebenan in der Kita das nicht antun könnte, todkranke Menschen zu sehen. Was ist nur los mit der Gesellschaft? Nein, die Gäste kommen nicht mit Blaulicht, und die Kinder sind es, die Menschen als Menschen sehen und nicht die Krankheit. Wie verlogen muss man denn nur sein?

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