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VG Nastätten

60 Jahre Miehlener Gemeindehaus: Als die Eheringe unter die Treppe purzelten

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Neben den Schautafeln einer Wanderausstellung über die Geschichte der EKHN sorgten Bilder vom 1963 eingeweihten evangelischen Gemeindehaus für viel Gesprächsstoff beim jüngsten Seniorennachmittag der Ortsgemeinde Miehlen. Fotos: Dekanat/Matern
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MIEHLEN An die Geschichte der im September 1947 gegründeten Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sowie an den Bau des Miehlener Gemeindehauses vor 60 Jahren erinnerte der jüngste Seniorennachmittag der Ortsgemeinde Miehlen. Dazu begrüßte Walter Lotz am Jubiläumsort Bernd-Christoph Matern als Referenten. Der Journalist und Öffentlichkeitsreferent des Dekanats Nassauer Land erinnerte an die Entstehung und Entwicklung der EKHN und mit Fotos an Bau und Einweihung des evangelischen Gemeindehauses. Dem unterhaltsamen Blick zurück folgte schriftlich einer nach vorn.

Die zwölf Schautafeln einer EKHN-Wanderausstellung zum vergangenen Jubiläumsjahr dienten als Anschauungsmaterial, um über Kirche von einst und jetzt nachzudenken. Themen, für die es Verbindungen in den Rhein-Lahn-Kreis gibt, griff Matern heraus. „So selbstverständlich heute mit Kerstin Janott bereits zum zweiten Mal eine Frau das Dekane-Amt ausübt, ist es nicht“, so der Referent. Er erinnerte an die verstorbene Evelin Clotz, bis 2006 Gemeindepfarrerin in Dachsenhausen. Sie war die erste Pfarrerin, die als verheiratete Theologin ihren männlichen Pfarrkollegen rechtlich vollständig gleichgestellt wurde, als sie im August 1971 zur Pfarrerin auf Lebenszeit ernannt wurde.

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Die weltweite Ökumene werde im Rhein-Lahn-Kreis durch die mehr als 40-jährige Partnerschaft des Dekanats mit dem Distrikt Mabira in Tansania gepflegt, ein konkretes Beispiel, um den eigenen Horizont zu erweitern und Fluchtursachen zu bekämpfen. Auch Strukturreformen, die auf den Schautafeln thematisiert werden, gäbe es seit Jahrzehnten in der evangelischen Kirche auf Landesebene wie der regionalen, erinnerte Matern an das im Miehlener Gemeindehaus 1968 beschlossene Aus fürs Dekanat Nastätten, was viele Protestanten im Taunus als „Untergang der evangelischen Kirche“ prophezeit hätten. Allen historischen wie aktuellen Unkenrufen von Kirche und Medien zum Trotz, gehörten im Rhein-Lahn-Kreis heute fast Dreiviertel der Bevölkerung einer der beiden christlichen Kirchen an und wüssten sich vom christlichen Glauben getragen, so der Medienwissenschaftler. „Da sind die vielen hier lebenden Muslime, die an den selben Gott glauben, noch nicht eingerechnet“, so Matern. Am wichtigsten war dem Referenten der Blick auf die Überwindung der verheerenden NS-Diktatur und die daraus resultierenden demokratischen Strukturen in der EKHN, die seither analog zu den staatlichen Strukturen evangelische Entscheidungsprozesse von unten nach oben garantieren sollen. „Wenngleich hier wie da heutzutage wohl manches von oben nach unten über den Geldhahn reguliert wird.“

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Nach einem Blick auf die Ausstellungstafeln wurde es ganz lokal und munter: Die Bilder vom Bau und der Einweihung des Miehlener Gemeindehauses aus dem Archiv des ehemaligen Dekans und Gemeindepfarrers Wilhelm Matern sorgten für Rätselraten, wer die einstigen Handwerker waren, die eine alte Scheune abrissen und den neuen Treffpunkt für die „aufgegliederte Gemeindearbeit an Männern und Frauen“, Jugend, Bibelstunden und Kirchenchor mit ganz viel Handarbeit und Herzblut schufen. Auch den Inhalt des Grundsteins las Matern vor, in dem noch um die Wiedervereinigung des „Vaterlandes“ gebetet wurde. Ein Bild erinnerte an die Anfänge des Seniorennachmittags der Gemeinde 1988.

Miehlener Seniorennachmittag erinnert an 75 Jahre EKHN und 60 Jahre evangelisches Gemeindehaus

Viele Anekdoten wurden mit Ausstellung und Bildern geweckt. Eine unvergessene Begegnung mit dem ersten EKHN-Kirchenpräsidenten Martin Niemöller kam einer Besucherin in den Sinn, als sie 1947 als Schulkind bei dessen Besuch „Spalier“ gestanden habe. Ein Besucher hatte selbst bei den Abrissarbeiten der Scheune Hand angelegt. Auch Ehen wurden im Gemeindehaus geschlossen, als 1968 die Kirche gegenüber saniert wurde. „Mein Mann ließ vor lauter Aufregung unsere Eheringe draußen auf die Treppenstufen fallen“, erzählte eine Seniorin. Die purzelten dummerweise in den damals noch vorhandenen Hohlraum darunter. „Glücklicherweise gelang es meiner flinken Schwester, die Ringe wieder herauszuholen, so dass wir am Ende doch mit Eheringen heiraten konnten.“ An Chorproben, Theaterspiele, Konzerte, Beerdigungskaffees, Taufen, Angebote für Kinder und Jugend und unterschiedlichste gemeindliche und private Feiern bis tief in die Nacht hinein erinnerten sich die Anwesenden. Außerdem konnten sie ihre Wünsche für die Zukunft des Gemeindehauses aufschreiben.

Neben den Schautafeln einer Wanderausstellung über die Geschichte der EKHN sorgten Bilder vom 1963 eingeweihten evangelischen Gemeindehaus für viel Gesprächsstoff beim jüngsten Seniorennachmittag der Ortsgemeinde Miehlen. Fotos: Dekanat/Matern

Dass „früher alles besser war“ sei ein geflügeltes Wort, meinte der Referent, wofür es sicher viele Beispiele gäbe. Er wollte allerdings wissen, ob denn den Anwesenden beim Anblick der Bilder etwas einfällt, das besser geworden sei. Als Beispiel nannte er die vielen Zigarren rauchenden Männer, die sich an den Tischen etwa bei der Grundsteinlegung von Frauen mit Essen und Trinken bedienen ließen. Da taten sich die Senioren mit dem Antworten schwer. Kirchenvorstandsvorsitzender Dr. Ulrich Werner fand bemerkenswert, dass die zwölf Mitglieder von Kirchenvorstand und Kirchengemeindevertretung, die den Inhalt des Grundsteins unterzeichneten, ausschließlich Männer waren. Glücklicherweise habe sich der Anteil von Frauen im heutigen Kirchenvorstand deutlich verändert.

Das kräftig angestimmte altbekannte Volkslied „Kein schöner Land“ beendete den Nachmittag. Und statt „Tal“, wie es im Original heißt, sangen die Senioren „dass wir uns hier in diesem Saal noch treffen so viel hundert Mal“.

Buch zur Ausstellung und Gemeindehaus für Generationen

Die Schautafeln zur Geschichte der EKHN mit umfangreicheren Erläuterungen und mehr statistischen Entwicklungszahlen hätten viele Menschen gern noch einmal in Form eines Buches zum Nachlesen in Händen. Fürs Miehlener Gemeindehaus fanden sich auf den abgegebenen Notizblättern viele Wünsche, Beispiele: mehr regelmäßige gemeinsame Veranstaltungen von jung und alt, Kinoabende zu ausgewählten Themen, Weinproben, ein Frühjahrskonzert, Spiele-Nachmittage. Auch Beerdigungscafés wurden gewünscht anstatt anonymer Beisetzungen, wie sie in der Corona-Pandemie Schule gemacht hätten. Ganz praktische Vorschläge gab es ebenso: Eine Küche mit Rücken-freundlicheren Elementen, eine attraktivere Gestaltung des Jugendraums und mehr Parkplätze rund um den belebten Treffpunkt.

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Politik

Wahlkreis 7 vor der Landtagswahl: Acht Bewerber kämpfen um das Direktmandat SPD, CDU, Grüne, AfD, FDP, Linke, Freie Wähler und ÖDP stellen Direktkandidaten

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Foto: BEN Kurier - Fotomontage
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POLITIK  Am 22. März findet die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz statt. Im Wahlkreis 7, zu dem die Verbandsgemeinden Diez, Aar-Einrich, Nastätten und Bad Ems-Nassau gehören, bewerben sich acht Kandidaten um ein Direktmandat.

Für die SPD tritt erneut Manuel Liguori aus Nassau an. Er gehört dem rheinland-pfälzischen Landtag seit drei Jahren an. Liguori ist gelernter Maler- und Lackierer, war zuvor Lehrer an der Berufsbildenden Schule Diez und ist aktuell Stadtbürgermeister von Nassau. Zudem ist er Mitglied des Kreistags Rhein-Lahn und Kreisvorsitzender der SPD Rhein-Lahn. Liguori ist verheiratet und hat ein Kind.

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Die CDU schickt Matthias Lammert ins Rennen. Der gebürtige Tübinger ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und gelernter Jurist. Seit 2001 gehört er ununterbrochen dem Landtag Rheinland-Pfalz an und ist dort Vizepräsident. Lammert ist Mitglied des Kreistags Rhein-Lahn, war von 2009 bis 2022 Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion und von 2019 bis 2021 stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. Zudem ist er Mitglied im Verbandsgemeinderat Diez.

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Für Bündnis 90/Die Grünen kandidiert Annemarie Imgrund. Die 38-Jährige lebt in Nassau, wuchs am Niederrhein auf und ist beruflich als Autorin und Creatorin tätig. Sie ist verheiratet, besitzt das Abitur und gehört der Partei seit dem Sommer 2024 an.

Direktkandidat der AfD ist Robin Classen. Der 35-jährige Familienvater ist Jurist und als Rechtsanwalt tätig. Er ist Mitglied des AfD-Landes- und Kreisvorstands und steht auf Platz 11 der Landesliste.

Für die FDP tritt Frank Michael Schöberl aus Diez an. Der 60-jährige Diplom-Volkswirt ist Mitglied des Stadtrats und Vorsitzender der FDP-Fraktion im Verbandsgemeinderat. Er arbeitet als kaufmännischer Niederlassungsleiter und belegt Platz 33 der FDP-Landesliste.

Die Partei Die Linke wird durch Ann-Kathrin Brings vertreten. Die 25-jährige Mutter lebt in Obernhof, ist Heilerziehungspflegerin und in der Pädagogik für Menschen mit Beeinträchtigungen tätig. Sie steht auf Platz 10 der Landesliste und ist Mitglied im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheit.

Für die Freien Wähler kandidiert erneut Lisa-Marie Jäckel. Die 32-jährige Volljuristin gehört dem Landtag seit 2021 an und war 2024 parlamentarische Geschäftsführerin der Landtagsfraktion. Jäckel ist Vorsitzende der Jungen Freien Wähler Rheinland-Pfalz und stammt aus Weilburg.

Erstmals stellt die ÖDP im Wahlkreis einen eigenen Kandidaten. Der 26-jährige Wolfgang Schaefer ist Verwaltungsfachangestellter, stammt aus Nassau, steht auf Platz 11 der Landesliste und ist Co-Bundesvorsitzender der Parteijugend .

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Politik

Gordon Schnieder will Zwangsmitgliedschaft in der Pflegekammer beenden Klinikschließungen, Pflege und Sicherheit bestimmten CDU-Veranstaltung in Miehlen

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Foto: BEN Kurier
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MIEHLEN Rund 60 Besucher sind am Samstag im evangelischen Gemeindehaus in Miehlen einer Einladung der CDU durch den stellvertretenden Landesvorsitzenden der Jungen Union, Cedric Crecelius, gefolgt. Im Mittelpunkt standen die Themen Gesundheitsversorgung, Pflege und innere Sicherheit. Hauptredner war Gordon Schnieder (CDU), Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März 2026. Zweiter Hauptredner war Matthias Lammert, Vizepräsident des Landtags Rheinland-Pfalz. Der BEN Kurier war als Presse vor Ort.

Die Diskussion drehte sich entlang der CDU-Schwerpunkte um die Frage, wie Rheinland-Pfalz im ländlichen Raum die Grundversorgung sichern kann und wo nach CDU-Lesart „Strukturen kippen„, bevor Reformen greifen.

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Schnieder: Kliniksterben im Norden – „Grundversorgung in der Fläche“ als Leitlinie

Schnieder stellte die Krankenhausversorgung an den Beginn seiner Rede. Er beschrieb eine Entwicklung, in der kleinere Standorte unter wirtschaftlichen Druck geraten, Notaufnahmen in größeren Kliniken überlastet werden und Patientenwege länger werden. Sein Kernargument: Rheinland-Pfalz brauche nicht überall Maximalversorger, aber eine verlässliche Grundversorgung in erreichbarer Nähe.

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In diesem Zusammenhang sprach Schnieder über die bevorstehenden Veränderungen durch die Krankenhausreform ab 2027 und formulierte als politische Linie, vorhandene Standorte bis zur Umstrukturierung „am Start zu halten„, statt nach Schließungen später teuer neu aufzubauen. Dazu nannte er einen jährlichen Stabilisierungsbedarf und begründete ihn mit dem Zeitfenster bis zur Reformumsetzung.

Publikumsfrage zur Finanzierung: „Prioritäten umsetzen

Aus dem Publikum wurde konkret nach der Finanzierung gefragt: Wenn für Krankenhäuser deutlich mehr Geld nötig sei, woher solle es kommen?

Schnieder antwortete mit einem haushaltspolitischen Argumentationsstrang: Rheinland-Pfalz habe aus seiner Sicht kein Einnahmeproblem, sondern müsse Prioritäten setzen. Zusätzliche Mittel seien politisch möglich, wenn Gesundheitspolitik als Kernaufgabe verstanden werde. Er kritisierte, dass Investitionsförderungen zu lange nicht im erforderlichen Maß angepasst worden seien, und stellte den Anspruch entgegen, das Land dürfe sich nicht in erster Linie als „Geld-auf-die-Seite-Leger“ verstehen, sondern als Gestalter von Daseinsvorsorge.

Notfallrealität: „Telefonieren, bis ein Krankenhaus zusagt

Einen besonders greifbaren Moment lieferte eine Publikumsfrage, die konkrete Abläufe schilderte: Ein Rettungswagen stehe, trotz ärztlichem Verdacht auf eine lebensbedrohliche Diagnose, lange vor einer Praxis, weil geklärt werden müsse, welches Krankenhaus den Patienten aufnimmt. Außerdem wurde ein Fall beschrieben, in dem Patienten nach Unfällen abgewiesen worden seien, weil Fachärzte nicht verfügbar gewesen seien.

Schnieder ordnete das als Systemfolge ein: Wenn Häuser schließen oder zeitweise keine Kapazitäten haben, entstehe eine Kettenreaktion, mit mehr Druck auf umliegende Kliniken, längeren Wartezeiten und unklaren Zuständigkeiten. Sein politischer Schluss daraus: Grundversorgung stabilisieren, Strukturen planbar umbauen, statt den „Schaden“ erst entstehen zu lassen.

Rettungsdienst, Ehrenamt, First Responder und Rettungshundestaffeln: „Warum muss das über Spenden laufen?

Neben den Kliniken spielte in Miehlen auch das Thema Ehrenamt im Rettungswesen eine Rolle. In der Diskussion wurde die Situation von First-Responder-Gruppen und der Rettungshundestaffel im Rhein-Lahn-Kreis angesprochen, verbunden mit der Kritik, dass sich solche Strukturen häufig über Spenden und Fördervereine finanzieren müssen.

Schnieder stellte die Frage nach der politischen Logik dahinter: Wenn ein solches Ehrenamt gesellschaftlich gewollt sei und im Ernstfall Zeit gewinne, müsse das Land aus CDU-Sicht stärker mittragen. Gleichzeitig vermied er in Detailfragen pauschale Zusagen, etwa zur Frage, ob und wie Freistellungen gegenüber Arbeitgebern landesweit geregelt werden könnten. Sein Fokus blieb auf dem Grundsatz: Engagement ja, aber nicht dauerhaft auf Kante über Fördervereine.

Auch Matthias Lammert griff das Thema im Rahmen der Veranstaltung auf und signalisierte, dass aus seiner Sicht mehr Unterstützung durch das Land geprüft werden müsse, insbesondere dort, wo Ehrenamt Aufgaben übernimmt, die faktisch Teil der Sicherheitsarchitektur geworden sind.

Gordon Schnieder: „Zehn Jahre Zeit – keine Akzeptanz: Dann ist das Pflegekammermodell gescheitert

Einer der zentralen politischen Sätze des Nachmittags fiel beim Thema Pflege: Gordon Schnieder stellte die Pflichtmitgliedschaft in der Pflegekammer Rheinland-Pfalz grundsätzlich infrage.

Er argumentierte, die Kammer habe über Jahre Zeit gehabt, Akzeptanz zu schaffen. Wenn eine berufsständische Vertretung nach so langer Zeit von vielen Pflegekräften nicht als starke Stimme wahrgenommen werde, müsse Politik Konsequenzen ziehen. Schnieder kündigte einen Strukturwechsel an: weg von Zwangsmitgliedschaft und Zwangsbeitrag, hin zu einem anderen Modell mit neuer Konstruktion und anderem Namen.

Dabei war der Kontrast zu anderen Ländern Teil seiner Argumentation: In Nordrhein-Westfalen existiert inzwischen ebenfalls eine Pflegekammer; dort werden Beiträge ab 2026 erhoben, laut Beitragsordnung in der Größenordnung von 20 Euro pro Jahr. In Bayern wiederum gibt es keine klassische Pflegekammer, sondern die Vereinigung der Pflegenden in Bayern, freiwillig und beitragsfrei.

Aus dem Publikum kam dazu eine konkrete Frage: Wie steht Schnieder zum Punktesystem der Pflegekammer für Fort- und Weiterbildungen, das nach Schilderung von Teilnehmern als Druck empfunden werde, auch, weil nicht jeder Arbeitsplatz ein passendes Fortbildungsangebot vorhalte?

Schnieder ging nicht grundsätzlich gegen Fortbildung vor, sondern gegen den Mechanismus. Er stellte die Logik infrage, wenn Betriebe ohnehin intern qualifizieren, gleichzeitig aber ein zusätzliches, kammergetriebenes System Druck erzeugt, teils in Freizeit, teils mit unklarer Anerkennung. Aus seiner Sicht müsse das Modell entweder einheitlich oder vertrauensbasiert sein, beides parallel werde nicht funktionieren.

Pflegefachkraft aus dem Publikum: „Nehmen Sie uns aus der Zwangsmitgliedschaft raus?“

Besonders deutlich wurde die Stimmung in einem Wortbeitrag einer Pflegefachkraft, die schilderte, sie sehe keinen Vorteil, aber Kosten und Bürokratie. Sie betonte, Rheinland-Pfalz sei eines der Länder, in denen die Pflichtmitgliedschaft besonders umstritten sei; die Kammer werde politisch seit Jahren diskutiert, 2026 ist zudem eine Mitgliederbefragung zur Zukunft der Pflegekammer angekündigt.

Schnieder antwortete mit einer klaren politischen Linie: keine Zwangsmitgliedschaft, kein Zwangsbeitrag, Umstrukturierung in eine neue Form der Interessenvertretung, die hoheitliche Aufgaben wahrnimmt, aber Akzeptanz über Freiwilligkeit gewinnt, als Modellskizze verwies er erneut auf Bayern.

Innere Sicherheit: mehr Präsenz, mehr Kräfte, neue Berufsprofile

Beim Thema innere Sicherheit blieb der Grundton klassisch CDU: Schnieder forderte mehr sichtbare Präsenz, mehr Personal und den Ausbau von Kapazitäten, verbunden mit dem Hinweis, dass Statistikzahlen und Teilzeitanteile in der Praxis nicht automatisch „mehr Streifenwagen auf der Straße“ bedeuten. Schnieder sprach über das, was er als „Angsträume“ bezeichnete, Orte, an denen Menschen, vor allem Frauen, abends nicht mehr alleine unterwegs sein wollen. Er argumentierte: „Selbst wenn Angst subjektiv sei, sei der Staat verpflichtet, Sicherheit herzustellen. Im öffentlichen Bereich muss ich mich frei bewegen dürfen“.

Sein Rezept: mehr Polizei, mehr Präsenz, bessere Ausrüstung und Kapazitäten. Er relativierte die Zahl „10.000 Polizisten“ mit dem Hinweis auf Teilzeitanteile und die reale Streifenstärke. Er sprach außerdem über die Idee, den Kommunalvollzugsdienst zu professionalisieren, mit Ausbildung, klaren Befugnissen und einer kommunalen Finanzbasis, die das überhaupt möglich macht.

Bildung: „Nur wer Deutsch kann, hat eine Chance auf Bildung

Im Bildungsblock setzte Schnieder prioritär auf Sprache, Lesen, Schreiben, Rechnen. Er argumentierte, Bildungschancen hängen unmittelbar daran, ob Kinder die deutsche Sprache beim Start in die Grundschule beherrschen. „Ich bin überzeugt: Kinder haben nur dann eine Chance auf Bildungskarriere, wenn sie am ersten Tag der Grundschule die deutsche Sprache können„, sagte er. „Nur wer Deutsch kann, hat eine Chance auf Bildung.

Er kritisierte, dass Kitas und Grundschulen aus seiner Sicht nicht verlässlich genug funktionieren, mit Ausfällen, Personalengpässen, Unsicherheit für Eltern. Und er kündigte das Konzept einer „Grundschulgarantie“ an: Montag bis Freitag, 8 bis 14 Uhr, verlässliche Struktur, Mittagessen, Hausaufgaben in der Schule.

Schnieder sprach außerdem die Verschiebung Richtung Gymnasium an und stellte die Frage, ob allein der Elternwunsch entscheidend sein sollte. Er sagte, er wolle „für das Kind“ die passende Schule finden, nicht unbedingt die, die Eltern bevorzugen.

Wortmeldung zu Jesiden sowie religiösem Extremismus

Im weiteren Verlauf der Diskussion meldete sich ein Teilnehmer aus dem Publikum zu Wort. Er sprach die Situation von Jesiden an und äußerte die Sorge, dass Abschiebungen in den Nordirak aus seiner Sicht nicht verantwortbar seien. Zugleich thematisierte er Demonstrationen extremistischer Gruppen sowie Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit religiösem Extremismus.

Der Teilnehmer sagte, Jesiden seien im Nordirak weiterhin nicht sicher. Er bat darum, Abschiebungen dieser Bevölkerungsgruppe auszusetzen. Zudem äußerte er Kritik an Demonstrationen, bei denen aus seiner Sicht extremistische Inhalte vertreten würden, und sprach Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit radikalen Predigten an.

Gordon Schnieder ging in seiner Antwort zunächst auf die Situation der Jesiden ein. Er erklärte, dass diese Bevölkerungsgruppe besonders unter Gewalt und Verfolgung gelitten habe. Abschiebungen in Regionen, in denen keine Sicherheit bestehe, seien aus seiner Sicht nicht vertretbar. Er sagte, für Jesiden müsse es Ausnahmeregelungen geben. Niemand könne mit Verantwortung entscheiden, Menschen in Regionen zurückzuführen, in denen ihnen Gewalt oder Tod drohten.

Zum Thema extremistischer Demonstrationen erklärte Schnieder, dass der Rechtsstaat verpflichtet sei, gegen Radikalisierung vorzugehen. Er sagte, wer eine Gesellschaftsform ablehne und offen extremistische Ziele vertrete, könne dies nicht im Schutz der freiheitlichen Ordnung tun.

Schnieder betonte zugleich, dass die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime Teil der Gesellschaft sei und ihre Religion friedlich ausübe. Religiöse Einrichtungen müssten möglich sein, zugleich müsse der Staat sicherstellen, dass dort keine Radikalisierung stattfinde. Wenn Hinweise auf extremistische Inhalte vorlägen, müsse der Verfassungsschutz tätig werden.

Matthias Lammert: Land braucht Verlässlichkeit – von Gesundheit bis Justiz

Matthias Lammert spannte den Bogen breiter. Er begann persönlich, sprach über die Endlichkeit von Zeit und leitete daraus den Stellenwert von Gesundheit ab. Politisch blieb er auf CDU-Linie: Es brauche mehr medizinische Studienplätze, weniger Hürden für Niederlassungen, weniger Bürokratie und eine Verwaltung, die technisch auf der Höhe ist.

In einem weiteren Block ging Lammert auf die Sicherheitslage ein und auf Kriminalitätsformen, die sich verändert hätten: von Einbruch und Automatensprengung bis Internetbetrug. Daraus leitete er die Forderung nach mehr Polizeipräsenz in der Region ab, inklusive der wiederkehrenden Forderung nach einem zweiten Streifenwagen im Bereich.

Einen Seitenblick warf er auf die Verwaltung und Justiz: Er schilderte, dass Digitalisierung dort teils „fast nur ein Fremdwort“ sei und erwähnte, dass Einsprüche noch per Fax laufen. Seine Botschaft: Moderne Strukturen seien kein Luxus, sondern Voraussetzung für funktionierende staatliche Leistung. Zum Abschluss verband Lammert das Thema Sicherheit mit Demokratie. Er warnte vor Parteien, die mit einfachen Erzählungen arbeiten, und appellierte, demokratische Strukturen zu schützen.

Eine Demokratie muss immer wieder verteidigt und geschützt werden„, sagte er. Und: „Wer in der Demokratie schläft, der wacht eventuell in der Tyrannei auf.“

Am Ende appellierte Lammert, demokratische Strukturen zu schützen und Extremismus keinen Raum zu geben. Er verband das mit dem Hinweis, Vertrauen in Politik entstehe nur, wenn Versprechen umgesetzt werden, als Beispiel nannte er Großprojekte, die seit Jahren diskutiert und nicht umgesetzt werden, wie die Mittelrheinbrücke in der Loreley.

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VG Nastätten

Neujahrsempfang der Stadt Nastätten mit Blick auf 2026 und die internationale Lage

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Fotos: BEN Kurier
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NASTÄTTEN Rund 130 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Ehrenamt und Stadtgesellschaft sind in der vergangenen Woche der Einladung der Stadt Nastätten zum traditionellen Neujahrsempfang gefolgt. In festlichem Rahmen bei kleinen Speisen sowie Wein, Sekt und alkoholfreien Getränken stand der Auftakt in das Jahr 2026 nicht nur im Zeichen lokaler Themen, sondern auch der aktuellen weltpolitischen Lage, die viele Menschen beschäftigt.

Neben Vertretern aus Stadt- und Verbandsgemeinderat waren unter anderem Landrat Jörg Denninghoff, der Vizepräsident des rheinland-pfälzischen Landtags Matthias Lammert, Staatssekretär Daniel Stich, Verbandsgemeindebürgermeister Jens Güllering, Nastättens Ehrenbürger Karl Peter Bruch sowie zahlreiche Gäste aus Vereinen, Institutionen und dem Wirtschaftsleben anwesend.

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Internationale Entwicklungen als Teil des Abends

In seiner Rede ging Staatssekretär Daniel Stich auf die aktuellen geopolitischen Spannungen ein. Er sprach über die Rolle Europas in einer sich verändernden Weltordnung und griff dabei auch die internationalen Konflikte und politischen Entwicklungen rund um Russland und die Vereinigten Staaten auf. Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik Europas bildete dabei einen zentralen Punkt seiner Ausführungen. Stich betonte, dass die internationalen Herausforderungen auch direkte Auswirkungen auf die Menschen in Deutschland und den Kommunen hätten.

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Landrat Jörg Denninghoff verwies auf die Bedeutung solcher Veranstaltungen für den Austausch zwischen Politik und Gesellschaft und auf den besonderen Charakter des Nastätter Neujahrsempfangs, der Raum für Gespräche jenseits formaler Sitzungen biete. Auch Verbandsgemeindebürgermeister Jens Güllering und Landtagsvizepräsident Matthias Lammert überbrachten Neujahrsgrüße und nahmen Bezug auf die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen Rheinland-Pfalz und die Kommunen im Jahr 2026 stehen.

Rückblick und gesellschaftliche Fragen

Stadtbürgermeister Marco Ludwig eröffnete seine Rede mit der Begrüßung zahlreicher Ehrengäste, darunter ehemalige Amtsinhaber, Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Ehrenamt sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Nastätten und der Region. Anschließend spannte er einen Bogen von grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen hin zur Entwicklung der Stadt.

Ausgangspunkt seiner Ausführungen war das von Journalisten beschriebene sogenannte „Zufriedenheitsparadoxon“. Ludwig verwies darauf, dass viele Menschen in Umfragen angeben, persönlich zufrieden zu sein, gleichzeitig jedoch die Zukunft des Landes kritisch bewerten. Daraus leitete er Fragen nach Verantwortung, Entscheidungsbereitschaft und dem Umgang mit gesellschaftlichen Erwartungen ab. Themen wie wachsende Ansprüche an Staat und Kommunen, die Belastung der öffentlichen Haushalte sowie der Umgang mit Risiken und Unsicherheiten wurden in diesem Zusammenhang angesprochen.

Ein weiterer Schwerpunkt war die Debatte um Entbürokratisierung. Ludwig machte deutlich, dass es aus seiner Sicht weniger um den Abbau notwendiger Sicherheitsstandards gehe, sondern um die Vermeidung von Doppelstrukturen und unnötigen Verfahren. Als Beispiel nannte er digitale Abläufe und den Umgang mit bereits vorhandenen Daten in Verwaltung und Wirtschaft.

Projekte, Wachstum und Ehrenamt

Im zweiten Teil seiner Rede stellte der Stadtbürgermeister die kommunalpolitische Entwicklung Nastättens dar. Mit aktuell rund 4.600 Einwohnern verzeichnet die Stadt einen Zuwachs von etwa 400 Menschen seit 2019. Dieser Anstieg sei vorwiegend auf den Wohnungsbau und neue Baugebiete zurückzuführen. Seit 2019 seien rund 98 Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser mit etwa 250 Wohnungen entstanden oder im Bau. Hinzu kämen barrierefreie Wohnangebote an mehreren Standorten im Stadtgebiet.

Für die Jahre 2025 und 2026 nannte Ludwig mehrere laufende und geplante Projekte. Dazu gehören der neue Betreiber für den Seniorenpark, der künftig von Cura Living geführt wird, die Weiterentwicklung von betreutem Wohnen und sozialem Wohnungsbau oberhalb des Friedhofs sowie Investitionen in die Innenstadt. Im Rahmen des Programms Regional – Zukunft – Nachhaltig, sollen unter anderem die Römerstraße belebt, der Bolzplatz an der kommunalen Kita erneuert und ein E-Bürgerbus angeschafft werden. Weitere Vorhaben betreffen den Zentralplatz, den Abriss eines Gebäudes in der Poststraße zur Entlastung eines Verkehrsknotens sowie eine neue Brücke über den Mühlbach, die Innenstadt und Brückwiese barrierefrei verbinden soll.

Stadtbürgermeister Marco Ludwig ehrte und dankte Gewerbetreibenden in der Stadt Nastätten

Auch die medizinische Versorgung war Thema. Trotz der Insolvenz einer Hausarztpraxis sei die Versorgung in Nastätten weiterhin gesichert, zudem werde an Lösungen für die Ansiedlung weiterer Haus- und Kinderärzte gearbeitet. Die Beteiligung des Rhein-Lahn-Kreises am Paulinenstift sei verlängert worden.

Einen breiten Raum nahm das Vereinsleben ein. In Nastätten sind 44 Vereine aktiv, der VfL Nastätten zählt mit über 700 Mitgliedern zu den größten. Ludwig verwies auf die Bedeutung von Sport, Kultur und Ehrenamt für das gesellschaftliche Leben und auf die anstehenden Investitionen in Sporthalle und Sportplatz.

Zum Abschluss seines Berichts über die Arbeit des Stadtrates nannte Ludwig statistische Kennzahlen: Seit August 2019 habe der Stadtrat 192 Sitzungen abgehalten, dabei 572 Beschlüsse gefasst und 242 Bauanträge behandelt. Im vergangenen Jahr seien es 19 Sitzungen mit 61 Beschlüssen und 33 Bauanträgen gewesen.

Der Neujahrsempfang endete mit Ehrungen für engagierte Personen und Gewerbetreibende aus der Stadt, darunter für langjähriges ehrenamtliches Wirken in Bereichen wie IT-Betreuung, Stadtarchiv, Veranstaltungen, Jugend- und Vereinsarbeit. Damit verband sich der Blick auf ein Jahr 2026, das für Nastätten mit zahlreichen Projekten und Entwicklungen verbunden ist.

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