Gesundheit
20 Jahre Selbsthilfegruppe Wolkenschieber
BAD EMS Der BEN Kurier führte mit dem Begründer und Leiter der größten Selbsthilfegruppe in Rheinland-Pfalz für psychisch erkrankte Menschen ein Interview. Schnell wurde klar: „Der Bedarf an freien Therapieplätzen ist enorm.“
Die SHG-Wolkenschieber feiern ihr 20-jähriges Bestehen
BAD EMS Der BEN Kurier führte mit dem Begründer und Leiter der größten Selbsthilfegruppe in Rheinland-Pfalz für psychisch erkrankte Menschen ein Interview. Schnell wurde klar: „Der Bedarf an freien Therapieplätzen ist enorm.“ Selbsthilfegruppen leisten erstaunliches. Durch den Erfahrungsaustausch finden Betroffene Halt und können oftmals ihre Lebenssituation stabilisieren. Und dennoch ist die staatliche Lobby für solche Angebote gering.
Hallo Herr Minnemann. Sie können ruhig Jason sagen. Okay. Du hast eine Selbsthilfegruppe für psychisch erkrankte Menschen gegründet. Wie kam es dazu? Ich erfuhr damals, dass ich an Multiple Sklerose leide. Eine niederschmetternde Diagnose die mein Leben erschütterte. Alles was man so plante war Makulatur. Und in solchen Phasen ist es nicht unüblich, dass diese durch Depressionen begleitet werden. So war es auch bei mir. Gerne hätte ich mich mit ebenfalls Betroffenen ausgetauscht aber da gab es keine Selbsthilfegruppen die einem im Erfahrungsaustausch ein wenig Angst hätten nehmen können. Und so kam ich im Oktober 2000 auf die Idee selber eine solche Selbsthilfegruppe zu gründen. Dabei ging es natürlich vorrangig um die psychischen Belange und nicht um die Multiple Sklerose. Ich lernte eine Diplom Sozialpädagogin von der Caritas kennen. Diese griff meine Idee auf und unterstützte mich im Aufbau der Selbsthilfegruppe. Unter anderem stellte sie mir auch Räumlichkeiten zur Verfügung. Im Gemeindeblättchen der Stadt Weißenthurm annoncierte ich das Angebot der neuen Gruppe und schon kamen die ersten Anfragen. Ja. und ab da an startete ich in den Caritas Räumlichkeiten in Weißenthurm.
Ging es Dir damals besser? Ich hatte mich mit der Multiple Sklerose arrangiert. Sie war halt da. Aber. Meine Depressionen waren Geschichte. ich hatte eine neue Aufgabe die mich forderte. Dass diese Berufung einmal mein Beruf werden sollte, konnte ich seinerzeit noch nicht erahnen.
Es war damals bestimmt ein Riesenansturm auf die Selbsthilfegruppe? Oje (*lacht). Überhaupt nicht. Es ging ganz bescheiden los. Gerade einmal fünf Leute meldeten sich. Aber das war egal. Ein Anfang war geschaffen. Wir trafen uns alle 14 Tage in Weißenthurm. Und besonders diese Zeit war für mich sehr wertvoll. Eine Zeit des Lernens.
Eine Zeit zum Lernen? Wie meinst Du das Jason? Na ja. Für mich war alles Neuland. Ich saß dort mit den Leuten in kleiner Runde und sollte diese Gruppe anleiten. Dabei hatte ich keinerlei Erfahrungen mit so etwas. Aber ich war wissbegierig und wurde mutiger. Ich stellte Fragen und hörte zu. Die Menschen erzählten mir und der Gruppe von Ihrem Alltag und ihren psychischen Problemen. Ich konnte viel für mich mitnehmen. Und ich merkte welche Eigendynamik solch eine Gemeinschaft prägt. Es ist wie eine Welle die durch das gemeinsame Gespräch und die Fähigkeit zuzuhören, Lösungen erarbeitet. Es ist eine sehr spannende Erfahrung für mich gewesen.
Und Heute bist Du ein alter Hase? Alt und wieso Hase? (*grinst). Ich nenne es lieber einen erfahrenen Leiter und Mentor. Aber auch ich lerne noch immer dazu.
Zu mindestens hast Du Deinen Humor nicht verloren. Es gibt doch bestimmt nichts zum Lachen in solchen Gruppen. Was für Patienten behandelt Ihr? Zunächst einmal sind das keine Jammergruppen. Natürlich wird trotz der ernsten Thematik gelacht. Und das ist auch verdammt gut so. Und es sind auch keine Patienten sondern Betroffene. Patienten dürfen sie in einer Klinik sein aber nicht in einer Selbsthilfegruppe. Da sind wir alle gleich. Und bei den Diagnosen in den einzelnen Gruppen geht es quer durch die Bank. Von Depressionen über Angststörungen, sozialen Phobien, selbstverletzenden Verhalten, Zwangsstörungen bis hin zu Borderlinern. Auch trockene Alkoholiker oder ehemalige Drogenabhängige holen sich die nötige Stabilität bei den Wolkenschiebern.
Psychisch Kranke haben keine Lobby
Wie kam es zu dem Namen Wolkenschieber? Ich sah mir gerade die Wetternachrichten mit dem Kachelmann an….. Dein ernst? Nein (*lacht). Psychische Erkrankungen sind wie eine Wolkenwand. Und Selbsthilfegruppen können einem durch so manchem Regen helfen oder zeigen wie man darin klar kommt. So manche Male verschwindet der Nebel gänzlich. Darum fand ich das Synonym Wolkenschieber perfekt für eine solche Selbsthilfegruppe.
Ja. Das passt. Es heißt, dass die Wolkenschieber eine der größten Selbsthilfegruppen in Deutschland wären? Das weiß ich nicht. Das kannst Du wahrscheinlich besser beurteilen wie ich. Für Rheinland-Pfalz könnte es zutreffend sein. In Koblenz gibt es in der Bethesda Stiftung aktuell 10 Gruppen, zwei in Weißenthurm und eine ganz neue in der Rhein Mosel Fachklinik. Und natürlich nicht zu vergessen die bald beginnende Gruppe in Bad Ems. Insgesamt dürften es damit etwa 180 betreute Personen sein.
Und wer leitet diese Gruppen? Mentoren moderieren die Gespräche. Sie achten darauf dass die Gruppenregeln eingehalten werden und sind gleichzeitig Ansprechpartner für die Betroffenen.
Sind die Mentoren Psychologen? Nein. Glücklicherweise nicht. Das wäre auch kontraproduktiv. Mentoren sind ehemalige oder teilweise noch immer selbst betroffene Menschen. Dabei sind diese soweit gefestigt, dass sie eine solche Aufgabe übernehmen können. Der Vorteil liegt einfach darin, dass die Mentoren sich viel tiefer in die Situation hineindenken können. Keine bloße Theorie.
Werden in der Selbsthilfe nicht belastende Dinge erzählt? Wie gehen diese Mentoren damit um? Natürlich erfahren die Mentoren, aber auch die ganze Gruppe, belastendes aus dem Leben der Beteiligten. Nur so können Erfahrungen ausgetauscht werden. Viele erkennen sich in der Problematik wieder oder konnten bereits Lösungen erarbeiten die sie wiederum teilen. Die Mentoren werden besonders unterstützt. Diplom Sozialpädagogen und ich halten viermal im Jahr Supervisionen ab. Die Gruppenleiter haben dort die Möglichkeit der Selbstreflexion. Schwierigkeiten in der Gruppe und belastende Ereignisse werden erörtert. Zusätzlich haben wir alle vier Wochen Mentorentreffen. Da tauschen wir uns internen Erfahrungen aus.
Mich würde noch etwas zu den Mentoren interessieren. Wie viele arbeiten für die Wolkenschieber und wie genau leiten diese die Gruppen? Aktuell sind es 13 Mentoren. In einer sogenannten Befindlichkeitsrunde bekommt jeder Betroffene die Möglichkeit das Erlebte der vergangenen 14 Tage darzustellen. Es geht um eine Momentaufnahme. Die Mentoren hinterfragen das Eine oder Andere. Manche benötigen etwas mehr Zeit. Bei introvertierten Betroffenen versucht der Mentor genauer hinzuschauen. Nach dieser Eingangsrunde entwickeln sich häufig von alleine die Themen. Wie erwähnt, leben die Gruppen von der Eigendynamik und dem Erfahrungsaustausch. Es ist für die Mentoren stets eine Gradwanderung jedem genügend Raum und Zeit zu geben.
Selbsthilfegruppen sind Kliniken nicht gleichgestellt.
Kann man einfach bei den Wolkenschieber vorbeikommen? Nein. Das geht leider nicht. Zunächst bedarf es einem telefonischen Vorgespräch. Oder einer E-Mail über unsere Webseite. Ich versuche in so einem Gespräch den Leidensdruck und die Diagnosen zu klären.
Das heißt, dass Teilnehmer vorab eine psychiatrische Diagnose haben müssen? Nicht unbedingt. Mir reicht es aus, den aktuellen Stand zu wissen. Daraus ergeben sich vielfach bereits anzunehmende Diagnosen. Es ist ja so, dass Betroffene oftmals lange Wartezeiten auf eine ambulante psychiatrische Therapie haben. Daran änderte sich bis heute wenig. Auch wenn der Gesetzgeber sagt, dass jeder kurzfristig Anspruch auf eine ärztliche Versorgung hat, so ist das in der Realität völlig anders. Wartezeiten von bis zu einem Jahr oder mehr sind keine Seltenheit. Selbst die kassenärztliche Vereinigung kommt an ihre Grenzen. Der Idealfall wäre es, wenn diese einen Therapeuten mit freien Kapazitäten vermitteln. Doch die Wahrheit ist ernüchternd. In der Regel bekommen die Betroffenen eine Liste zugesendet, auf der sämtliche Psychotherapeuten im Umkreis verzeichnet sind. Und genau diese haben meist keine freien Therapieplätze da sie von allen abgearbeitet wurden. Häufig ist nur ein Anrufbeantworter erreichbar. Nicht selten mit dem Text, dass im selben Jahr keine Patienten mehr aufgenommen werden. Und sollte ein Betroffener doch einmal Glück haben, sind die Entfernungen zu den Psychotherapeuten enorm. Einfache Fahrtstrecken von 60 Kilometer und mehr sind keine Seltenheit. Dieses hält der Gesetzgeber für zumutbar. In der Praxis kaum haltbar. Denn es setzt voraus, dass jeder Hilfesuchende mobil ist.
Und was ist mit den Kliniken im Umkreis? Diese stellen Angebote. Im Bereich Koblenz ist es in erster Linie die Rhein-Mosel Fachklinik und für den Rhein – Lahn – Kreis das Elisabeth Krankenhaus in Lahnstein. Aber….. Auch dort gibt es Wartezeiten. Nicht jeder Erkrankte möchte stationär behandelt werden. Und selbst wenn, dann muss er mit guten sechs bis acht Wochen Wartezeiten rechnen. Oftmals sogar deutlich länger. Und bei den Tageskliniken sieht es ähnlich aus. Letztlich gibt es noch die psychiatrischen Institutsambulanzen. Diese sind für Patienten da, die aktuell dringenden Bedarf haben aber keinen Therapeuten finden. Doch so viel besser sieht es bei denen auch nicht aus. Auch dort muss mit Wartezeiten gerechnet werden. Letztlich bleiben nur noch die Akutstationen. Doch wer nicht gerade suizidal gefährdet ist oder zum Beispiel einen psychotischen Schub hat, steht vor verschlossener Tür. Aus meiner Sicht ist dieses ein großes Dilemma im Gesundheitssystem. Es fehlen zahlreiche ambulante Therapieplätze.
Gibt es einen Grund dafür? Ja. Den gibt es. Psychiatrische Erkrankungen sind im Verlaufe der vergangenen zwanzig Jahre massiv gestiegen. Wir sind in einer schnelllebigen Zeit. Hoher Leistungsdruck. Wir müssen in der Gesellschaft funktionieren. Das Ergebnis sind Burnout, Depressionen und so weiter. Die Seele leidet und ist zur Volkskrankheit Nummer eins geworden. Jedoch die Zahl der zugelassenen Therapeuten blieb lange Zeit konstant. Der Bedarf konnte nicht mehr gedeckt werden. Zwar wird der Bereich heute massiv ausgebaut aber die Maßnahmen kommen spät. Wenn nicht sogar zu spät.
Und wie sieht das bei Euch aus mit Wartezeiten? Tja….. 2019 war eine Katastrophe. Es gab einen kompletten Aufnahmestop. Für mich war das eine belastende Zeit. Menschen mit akuter Problematik abweisen zu müssen da die Gruppen voll waren. Die Situation hat sich etwas entspannt. Und dennoch gibt es Anwartschaften zwischen drei bis sechs Monaten. Ich sehe aber Licht am Horizont. Wir öffnen gerade neue Gruppen. Wie zum für den Rhein-Lahn-Kreis in Bad Ems. Da sind sogar noch ein paar wenige Plätze frei.
Müssen die Betroffenen in den Gruppen etwas über sich erzählen? Eine Selbsthilfegruppe lebt vom Erfahrungsaustausch. Und jeder möchte davon profitieren. Sich selber reflektieren. Doch jeder Mensch ist anders. Zu Beginn starten die neuen Wolkenschieber meistens in der Auffanggruppe. Dort haben sie die Möglichkeit den Ablauf in einer Selbsthilfegruppe kennenzulernen. So einige sind eher introvertiert und hören zu. Auch das wird akzeptiert. In der Regel ist es so, dass jeder irgendwann einmal etwas über sich erzählt. Was er sagen mag, bleibt demjenigen überlassen.
Wie setzen sich die Gruppen zusammen? Wie eben erwähnt, starten wir in den Auffanggruppen. Dort versuchen wir nach etwa fünf Teilnahmen für die jeweiligen Betroffenen die passenden und dauerhaften Gruppen zu finden. Dieses hat durchweg weniger etwas mit dem Krankheitsbild zu tun wie mit der harmonischen Gruppenbild. Es muss für alle Beteiligten passen. Darauf achten wir. Es gibt auch zwei Gruppen für Psychiatrie erfahrene Patienten. Wegen dem hohen Bedarf finden diese wöchentlich statt. Neulinge, mit einem aktuellen Burnout oder einer Depression, wären in solchen Gruppen vielleicht überfordert. Andererseits könnten sie auch von dem Erfahrungsschatz profitieren. Das ist stets eine Gradwanderung für die Mentoren welche die neuen Wolkenschieber einschätzen.
Also sind die Gruppen nicht nach Krankheitsbild gegliedert? Richtig. Das hat sich bewährt.
Wie sieht es denn mit der Schweigepflicht aus? Ein wichtiger Aspekt. Jeder Betroffene unterliegt der Schweigepflicht. Es werden ja teilweise sehr private Sachen in den jeweiligen Gruppen erzählt. Und somit muss jeder Teilnehmer auch eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben. Würde ein Teilnehmer gegen dieses Gebot verstoßen, wäre er raus. Und Weiterungen sind nicht ausgeschlossen. Da gäbe es meinerseits keine Toleranz. ich muss aber sagen, dass das bisher hervorragend funktionierte.
Wie oft treffen sich die Wolkenschieber? Alle 14 Tage und zwei Stunden. Das ist in sämtlichen Gruppen gleich.

Die SHG-Wolkenschieber feiern ihr 20-jähriges Bestehen
Wie ist das Verhältnis zwischen den Wolkenschiebern? Das ist eine spannende Sache. Innerhalb der Gruppen entwickeln sich häufig Freundschaften. Die Schnittpunkte des Lebens verbinden. Manche denken, dass sie alleine auf der Welt anders sind. Dabei kann anders richtig gut sein. Und sie sehen, dass es da noch einige mehr gibt die vor den gleichen Schwierigkeiten stehen wie sie selber. Zusätzlich gibt es auch alle vier Wochen einen Wolkenschieber Stammtisch in wechselnden Pubs oder Restaurants. Somit kommt auch der übergreifende Kontakt außerhalb der Gruppen Zustande. Natürlich sind die Teilnahmen freiwillig wie so alles bei den Wolkenschiebern.
Das heißt, Du bekommst kein Geld von den Betroffenen? Wie finanzieren sich die Wolkenschieber? Ja. Das stimmt. Die Teilnahme kostet nichts. Die Wolkenschieber finanzieren sich durch Fördergelder der AOK. Die Bethesda Stiftung stellt Räumlichkeiten zur Verfügung. Genauso wie die Rhein-Mosel-Fachklinik und der VfL Bad Ems. Ohne die Unterstützungen für Raummieten, Fixkosten, Büro und Supervisionen, würde es nicht funktionieren.
Leitest Du noch selber eine Gruppe? Bis 2018 betreute ich Gruppen in Andernach. 18 Jahre sind eine sehr lange Zeit und auch ausreichend. Im Notfall springe ich ein. Doch bei den Wolkenschiebern kümmere ich ich um administrative Aufgaben.
Und was machst Du beruflich? Ich habe meine Berufung zum Beruf gemacht. Nach dem Studium zum psychologischen Berater, biete ich intensive Einzelgespräche oder auch Paarberatungen in Krisen an.
Aktuell gibt es immer noch die Corona Einschränkungen. Wie seid ihr damit umgegangen? Schwierig. Zu Beginn des Lock Down mussten wir uns etwas einfallen lassen. Wochenlang waren sämtliche Treffen nicht möglich. Besonders Für die Betroffenen eine Katastrophe. Für viele waren die 14-tägigen Treffen die einzigen Kontakte zur Aussenwelt. Für Teilnehmer mit sozialen Phobien ein unhaltbarer Zustand. Und da zeigte sich wieder wie toll unsere Mentoren sind. In den Watsappgruppen oder über Videokonferenzen wurden Sitzungen abgehalten. Das war natürlich nicht mit den realen Treffen vergleichbar. Mittlerweile entspannte sich die Situation. In einigen Städten finden wieder regelmäßige Treffen statt. Andere Standorte sind noch immer geschlossen. Und besonders in dieser schwierigen Zeit mussten wir erkennen, wie klein die Lobby für Selbsthilfegruppen ist.

In Krisen gemeinsam statt einsam Lösungen erarbeiten – das sind die Wolkenschieber
Wie meinst Du das? Tanzschulen, Fitnessstudios und auch Tageskliniken in den Krankenhäusern wurden geöffnet. Dort stehen vorrangig finanzielle Interessen. Doch Selbsthilfegruppen wurden vom Staat in der Coronakrise überhaupt nicht beachtet. Es gab keinerlei Programme. Selbsthilfegruppen sind Kliniken nicht gleichgestellt. Und es zeigt auch, dass Menschen mit Depressionen etc. keine Lobby haben. Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, unter Beachtung der Corona Schutzmaßnahmen, die Gruppenabende abzuhalten. Einerseits schätzen Kliniken und Ärzte die stabilisierende Wirkung von Selbsthilfegruppen. Wartezeiten zu stationären oder ambulanten Therapien werden überbrückt. Andererseits wird das Angebot als Selbstverständlichkeit betrachtet anstatt eigene medizinische Plätze auszubauen. Und gerade in der Coronakrise erlebten wir für die Betroffenen große Rückschläge. Therapien wurde unterbrochen. Die Menschen wurden erneut instabil. Kleine Schritte sind für psychisch erkrankte Menschen oft Siebenmeilenstiefel. Und diese Wege zu gehen ist oft eine schmerzhafte Erfahrung. Und all jenes müssen sie jetzt erneut durchleben.
In Krisen gemeinsam statt einsam
Wie war es für Dich während der Coronazeit? Anders wie erwartet. Auch ich konnte keine Vor-Ort Sitzungen mehr anbieten. Kurzerhand entschloss ich mich die Gespräche per Videokonferenz abzuhalten. Und das Angebot wurde intensiv genutzt. Für mich gab es keine Einbußen. Im Gegenteil. Eine Win-Win Situation für die Betroffenen und mich.
Dieses Jahr wären die Wolkenschieber 20 Jahre alt geworden……? Ja. Ich sehe das mit einem lachenden und weinenden Auge. Die Freude über das Erlebte und den großen Rückhalt ist enorm. Doch der Wermutstropfen ist da. Wir wollten dieses besondere Jubiläum mit den Bürgermeistern, Förderverein und sämtlichen Wolkenschieber groß feiern. Doch Corona hat uns da einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Bekanntlich ist verschoben nicht aufgehoben. Wir werden einen neuen Termin finden.
Lieber Jason. Der BEN Kurier dankt Dir für dieses tolle Interview und wünscht Dir weiter viel Erfolg bei deiner so wichtigen Tätigkeit.
Wer Hilfe zur Selbsthilfe sucht, ist bei den Wolkenschiebern gut aufgehoben. Unter dem Motto „Aktives Leben lernen,“ finden die regelmäßigen Treffen der SHG-Wolkenschieber in Weißenthurm, Andernach, Koblenz und demnächst Bad Ems statt. Erkundigen können Sie sich über die webseite www.shg-wolkenschieber.de Dort finden Sie auch ein Kontaktformular.
Vorgespräche führt Herr Minnemann unter der Telefonnummer 0177-616 6615
Gesundheit
Zusammenreißen statt trauern? Warum unsere Gesellschaft den Verlust nicht aushält Wenn Rückzug keinen Platz mehr hat und Gefühle stören: ein Gespräch über Trauer in unserer Zeit
BAD EMS Ein leerer Stuhl, wo du einst saßt. »Die Stille schreit, du fehlst so sehr«, mit diesen Zeilen beginnt Folge 2 (Teil A) der Reihe »Rund um die Trauer«, in der Moderatorin Anja Schrock erneut mit dem Gestalttherapeuten und Philosophen Mathias Jung spricht. Diesmal geht es um Trauer und Gesellschaft: um Erwartungen, um den sozialen Blick von außen und um das, was an Ritualen verschwunden ist.
Jung beschreibt, wie sich frühere, sichtbare Trauerzeichen »wie Salmiak-Geist« aufgelöst hätten. Das Trauerjahr, schwarze Kleidung, ein Trauerband am Revers: Früher habe das Umfeld am Arbeitsplatz sofort gewusst, dass hier Rücksicht und Schonung nötig sind. Heute passe diese Form von Rückzug kaum noch »rein«, ein Verlust, sagt Jung, weil dadurch auch ein gemeinsamer Rahmen fehle, in dem Trauer mitgetragen wird.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist der Gegensatz zwischen Beschleunigung und Trauer. Der Alltag ist getaktet, Rollen müssen funktionieren: Kind zur Schule, Arbeit, Verantwortung. Trauer dagegen sei Entschleunigung, Innehalten, ein Moment, in dem »die Zeit stillsteht«. Jung formuliert es drastisch: Schon dass die Sonne am nächsten Tag ungerührt wieder aufgeht, könne sich wie eine Kränkung anfühlen. In einer Leistungsgesellschaft hätten Gefühle oft »keinen Platz«, sie gelten als hinderlich.
Wie konkret diese Überforderung aussehen kann, zeigt eine vorgelesene Zuschrift: Eine Frau schildert den Tod ihres Mannes nach einer Herzoperation und die Doppelbelastung aus Trauer, Alleinverantwortung und familiärem Druck. Während sie für ihre vierjährige Tochter stark sein muss, geraten gleichzeitig alte Abhängigkeiten zurück ins Leben: Entscheidungen, Grenzen, wirtschaftliche Fragen. Jung nennt den Tod in diesem Fall eine Katastrophe, die man nicht »verkleinern und wegreden« dürfe. Der Verlust sei wie eine »Amputation bei lebendigem Leibe«, Trost stelle sich zunächst nicht ein.
Deutlich wird das auch in der Kritik an gut gemeinten Floskeln. Sätze wie »Die Zeit heilt alle Wunden«, »Er oder Sie ist an einem besseren Ort« oder »Das wird schon wieder« seien oft nicht hilfreich, manchmal sogar kränkend. Jung widerspricht ausdrücklich: Zeit allein heile nichts. Trauer brauche Verarbeitung, Gespräch, das Recht, erschüttert zu sein. Und: Wunden dürften bleiben, weil sie auch Bindung bedeuten: Ausdruck dessen, dass der Verstorbene nicht gleichgültig ist.
Am Ende wird der Blick auf den Umgang im Umfeld gelenkt: Sprachlosigkeit, Themawechsel, Schweigen, das könne für Trauernde grausam sein. Stattdessen helfe es, dazubleiben, zuzuhören, die Geschichte auch »zum zehnten Mal« zu hören und Fragen zu stellen wie: »Wie geht es dir im Augenblick?« In einer weiteren Zuschrift beschreibt Carina Trauer als etwas, das kommt und geht: ausgelöst durch Musik, Erinnerungen, Momente. Abschütteln lasse sie sich nicht, akzeptieren müsse man sie, und lernen, mit ihr zu leben.
Folge 2 (Teil A) endet mit dem Ausblick auf Teil B, der sich Regeln und Ritualen widmet und der Frage, wie andere Kulturen mit Tod und Trauer umgehen.
Gesundheit
Damit Hilfe wirklich hilft: Anziehpunkt Montabaur bittet um wohlüberlegte Sachspenden Caritas dankt für große Spendenbereitschaft – und ruft zur Achtsamkeit auf: Gut erhalten statt aussortiert
MONTABAUR „Wir gehen unter“, sagt Vera Zimmermann, Einrichtungsleiterin des Caritas-Anziehpunkts in Montabaur – und meint das wörtlich. Der Secondhand-Laden in der Kirchstraße 17 mitten in der Innenstadt wird derzeit überflutet mit Sachspenden. „Wir freuen uns sehr über die Hilfsbereitschaft der Menschen. Aber leider ist ein großer Teil der Spenden einfach nicht mehr zu gebrauchen“, erklärt Zimmermann.
Immer wieder landen Kleidungsstücke und Haushaltswaren im Anziehpunkt, die sichtbare Gebrauchsspuren aufweisen: Flecken, ausgeleierte Hosen, Kragenspeck an Hemden, Knötchen im Pulli. „So schade es ist: Solche Dinge können wir nicht weitergeben. Uns fehlt schlicht die Zeit und das Personal, alles zu waschen oder zu reparieren“, so Vera Zimmermann.
Was nicht in den Verkauf kann, muss entsorgt werden – und das kostet künftig sogar Geld. „Bisher wurden die aussortierten Dinge kostenlos abgeholt. Künftig aber müssen wir die Entsorgung bezahlen. Das belastet uns zusätzlich – und steht natürlich im Widerspruch zu unserem Nachhaltigkeitsgedanken“, betont die Leiterin. Ein Teil der aussortierten Ware wird recycelt oder geht in Drittländer, ein kleiner Teil wird endgültig vernichtet.
Der Appell an die Bevölkerung ist daher eindeutig: Spenden Sie gerne – aber bitte nur einwandfreie und saubere Ware. „Unsere Kundinnen und Kunden freuen sich über gute, gepflegte Kleidung und intakte Haushaltswaren. Das, was Sie selbst noch guten Gewissens tragen oder verschenken würden, ist auch für uns geeignet“, so Zimmermann.
Um die Flut an Spenden künftig besser bewältigen zu können, gelten im Anziehpunkt Montabaur ab Januar 2026 feste Annahmezeiten:
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Montag 9 bis 12 Uhr
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Mittwoch 9 bis 12 Uhr
-
Freitag 13 bis 16 Uhr
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Samstag 10 bis 13 Uhr
„Wir bitten alle Spenderinnen und Spender dringend, sich an diese Zeiten zu halten“, sagt Vera Zimmermann. „Nur so können wir sicherstellen, dass die Spenden auch ordentlich entgegengenommen und sortiert werden können.“ Wer etwas Wartezeit mitbringt, wird im Anziehpunkt freundlich empfangen: „Natürlich bieten wir unseren Spenderinnen und Spendern gerne einen Sitzplatz und eine Tasse Kaffee an“, fügt sie mit einem Lächeln hinzu. Maximal sollten die Spenden nicht mehr als ein bis zwei Einkaufstaschen umfassen, Spenden in Säcken oder Kartons sind nicht möglich.
Der Anziehpunkt in Montabaur ist ein Secondhand-Laden des Caritasverbandes Westerwald-Rhein-Lahn. Hier kann jeder einkaufen – unabhängig vom Einkommen. Angeboten werden u.a. Baby- und Kinderkleidung (bis Größe 176), Schwangerenbekleidung, Kinderwagen, Kinderbetten, Spielsachen, Damen- und Herrenbekleidung, Bett- und Tischwäsche, Handtaschen, Haushaltswaren (bitte keine Einzelteile), Modeschmuck, Accessoires und Dekoartikel.
„Unsere Arbeit lebt vom Miteinander“, sagt die Einrichtungsleiterin. Rund 60 Ehrenamtliche engagieren sich derzeit im Montabaurer Anziehpunkt. Sie sortieren, beraten, verkaufen und hören zu – denn längst ist der Laden mehr als ein Ort zum Stöbern. „Viele Menschen kommen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Reden. Der Anziehpunkt ist für sie ein Stück Gemeinschaft geworden.“
Kontakt: Anziehpunkt Montabaur, Kirchstraße 17, 56410 Montabaur, Telefon: (02602) 997043, E-Mail: anziehpunkt-ww@cv-ww-rl.de. (pm Caritas Westerwald | Rhein-Lahn)
Gesundheit
Prostatakrebs: „Betroffene sind im Kemperhof in guten Händen“ Norbert Schmiedel profitierte von modernen Behandlungsverfahren und guter Betreuung
KOBLENZ Vor drei Jahren suchte Norbert Schmiedel seinen Hausarzt auf, da er unter Problemen beim Wasserlassen litt. Dieser riet ihm zur weiteren Abklärung der Beschwerden zu einer Untersuchung bei einem Urologen. So kam Herr Schmiedel in die Sprechstunde von Dr. med. Ludger Franzaring im Kemperhof Koblenz. Neben einer gründlichen Erhebung der Krankengschichte, der sorgfältigen klinischen Untersuchung, die auch das Abtasten der Prostata beinhaltete, und einer Ultraschalluntersuchung der Urogenitalorgane riet der Chefarzt der Klinik für Urologie, Uro-Onkologie und Kinderurologie dem Patienten auch zur Bestimmung des PSA-Wertes, des so genannten prostataspezifischen Antigens. „Je höher die Konzentration dieses Tumormarkers im Blut ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Prostatakrebs vorliegt“, erklärt Dr. Franzaring. Da erhöhte Werte aber auch andere Ursachen wie nicht-bösartige Veränderungen oder Entzündungen der Prostata haben können, werden bei Bedarf weitere Untersuchungen durchgeführt. Dies sind MRTs der Prostata und bei Auffälligkeiten auch MRT-Ultraschall-Fusionsbiopsien, bei denen auffälliges Gewebe durch die Kombination von MRT-Bildern mit einer Ultraschalluntersuchung besonders zielgenau entnommen werden kann.
Bei Norbert Schmiedel wurde dabei zunächst ein als wenig aggressiv eingestufter Tumor diagnostiziert. „Man riet mir daher zunächst zu einer sogenannten ‚Active Surveillance‘, also der regelmäßigen Kontrolle der weiteren Entwicklung“, erinnert sich der heute 76-Jährige. „Diese Strategie wird verfolgt, wenn ein Tumor ein niedriges Risikoprofil hat und eine krankheitsbedingte Beeinträchtigung auch im Verlauf nicht zu erwarten ist beziehungsweise ein Einfluss auf die Lebenserwartung nicht wahrscheinlich ist“, erläutert Dr. Franzaring. Ziel ist es, eine Übertherapie zu vermeiden, also Patienten nicht unnötig mit Behandlungen zu belasten, die mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sein können. „Allerdings ist bei der aktiven Überwachung eine besonders intensive ärztliche Beratung und Begleitung notwendig, um bei eventuellen Veränderungen rasch mit der dann erforderlichen Therapie zu beginnen“, wie Franzaring, stellvertretender Leiter des Prostatakrebszentrums am Kemperhof, ergänzt.
Daher unterzog sich Norbert Schmiedel alle drei Monate einer Kontrolle, bei der neben einer Tast- und Ultraschalluntersuchung auch der PSA-Wert überprüft wurde. Diese Termine fanden zunächst im Kemperhof statt, wurden später aber auch von seinem Hausarzt durchgeführt, um den Fahrtaufwand vom Wohnort in die Klinik zu reduzieren.
Ob die aktive Überwachung für einen Patienten infrage kommt, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie Betroffene mit dem Wissen umgehen, dass in ihrem Körper etwas schlummert, das dort nicht hingehört. „Jeder Mensch hat ein individuelles Sicherheitsbedürfnis – auch wenn das Risiko, dass der Tumor sich während der Überwachung plötzlich zu einem nicht mehr behandelbaren Stadium heranwächst, äußerst gering ist“, betont Dr. Franzaring. In etwa 30 bis 50 Prozent der Fälle kommt es während der aktiven Überwachung zu einem Fortschritt der Erkrankung beziehungsweise einer Veränderung des Aggressivitätsmusters des Tumors, die eine klassische Behandlung erforderlich macht. „Dann ist genug Zeit, gemeinsam zu entscheiden, wie es weitergeht“, erklärt Dr. Franzaring.
Auch bei Norbert Schmiedel wurde ein kontinuierlicher Anstieg des PSA-Wertes festgestellt. Eine erneute Gewebeprobe bestätigte im Juni dieses Jahres den aggressiveren Fortschritt der Erkrankung, sodass Dr. Franzaring seinem Patienten zu einer DaVinci-Prostatektomie riet. „Dieses minimal-invasive Verfahren zur Entfernung der Prostata hat den Vorteil, dass das Risko für Blutungen und damit auch für benötigte Transfusionen deutlich geringer ist“, erläutert Franzaring. Außerdem haben die Patienten nach dem etwa drei Stunden dauerndem Eingriff weniger Schmerzen und Nebenwirkungen wie etwa die Störung der Erektionsfähigkeit oder Inkontinenz.
Davon profitierte auch Norbert Schmiedel, der bereits kurz nach der Kontrolluntersuchung erfolgreich und komplikationslos im Kemperhof operiert wurde. Ergänzende Therapien wie Bestrahlungen und Chemotherapie waren in seinem Fall nicht erforderlich. „Auch die bereitgelegten Schmerzmittel habe ich nicht gar nicht gebraucht“, erzählt der zufriedene Patient. „Bereits auf der Station habe ich mit unterstützenden Übungen zum Beckenbodentraining begonnen, die ich nach der Entlassung regelmäßig ambulant weitergeführt habe.“ Im Juli folgte zudem eine Reha-Aufenthalt in einer Klinik in der Region.
„Ich fühlte mich bei Dr. Franzaring und seinem Team sowohl fachlich als auch menschlich von Anfang an bestens aufgehoben. Auch den Aufenthalt auf der Komfortstation kann ich nur empfehlen – ich war rundum gut versorgt und habe mich dort sehr wohlgefühlt“, sagt Schmiedel, der weiterhin regelmäßig alle drei Monate die Kontrolluntersuchungen am Kemperhof wahrnimmt. „Ich kann nur jedem Mann raten, die angebotenen Früherkennungsuntersuchungen zu nutzen, um im Falle eines Falles rechtzeitig handeln zu können.“ Sein Beispiel zeigt, wie wichtig eine enge medizinische Betreuung, interdisziplinäre Zusammenarbeit und das Vertrauen in das Behandlungsteam für den Heilungsprozess sind. Dafür steht das Prostatakrebszentrum als ein Teil des zertifizierten Onkologischen Zentrums Koblenz-Mittelrhein.
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