Sulzbacher wollen nicht Berlin-Kreuzberg sein - Bürger wehren sich gegen Neubau in der Gemeinde (Symbolbild)

Sulzbacher wollen nicht Berlin-Kreuzberg sein – Bürger wehren sich gegen Neubau in der Gemeinde

in VG Bad Ems-Nassau

SULZBACH Ruhe, frische Luft und günstige Preise. Immer häufiger liest und hört man von den positiven Aspekten des Landlebens. Und tatsächlich treibt es immer mehr Menschen zurück auf die Dörfer. Eine Entwicklung, die das Institut der deutschen Wirtschaft schon 2019 feststellte und dabei treffend schreibt: „Die Ballungszentren bleiben zwar insbesondere für Studierende und Berufseinsteiger attraktiv, Familien bevorzugen dagegen zunehmend das Umland der Großstädte.“ So der Tenor einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.

Anzeige

Das ist erstmal auch gut so. Denn das Landleben ist vor allem durch die Menschen geprägt, die in und mit der Natur leben. Und da die Biologie auch auf dem Land nicht halt macht, verlassen
Bürger diese Welt und hinterlassen eine Lücke, welche gefüllt werden will. Bis hierhin ist das alles nicht neu, nicht spektakulär und eigentlich auch logisch. Aber es gibt ein Problem, was eben nicht gerne kommuniziert wird und dieser Geschichte einen Twist verpasst: Mittlerweile kaufen immer weniger Familien ein Haus auf dem Land, sondern Menschen, die mit Immobilien Geld verdienen.

Anzeige

Die Lebenswelt Land ist geprägt von Gemeinschaft. Die Menschen in den Dörfern kennen sich, sehen sich ständig und wissen viel voneinander. Das führt oftmals zu Spannungen und Konflikten und auch das ist nur menschlich und unproblematisch. Nur eins darf nicht passieren: Konflikte dürfen nicht systemisch provoziert werden. Wenn also nicht die Menschen das Problem sind, sondern die Art und Weise wie sie zusammenleben. Und genau hier wird aus diesem bisher abstrakten Text eine Geschichte mit Menschen, Sorgen und Problemen, wie sie in jeder Gemeinde vorkommen könnte. Aber vermutlich nicht sollte.

Im Jahr 2019 verließ in Sulzbach im Rhein-Lahn-Kreis die Bürgerin I. im hohen Alter diese Welt und hinterließ ihren Kindern zwei Häuser. Ein großes Haus in dem sie selbst bis kurz vor ihrem Tod lebte und ein kleines denkmalgeschütztes Fachwerkhaus direkt daneben. Und wie das heute nun einmal so ist, waren die Kinder längst erwachsen, lebten ihre eigenen Leben und verkauften ihr Erbe.

Über die Hälfte der Sulzbacher Bürger wenden sich schriftlich in einer Petition gegen den Neubau

Jetzt ist das mit dem Immobilienverkauf so eine Sache geworden. Noch vor 10 Jahren hätte niemand auf dem Land „investiert“. Auf dem Land hätte eine Familie ein Heim gesucht, renoviert
und sich niederlassen. Mit Platz im Garten, Platz für Gäste und Familie und das zu Preisen, die in Stadtnähe nicht zu finden sind. Heute aber investiert man auf dem Land, renoviert, vermietet und kann unterstützt mit Fördergeldern für Entwicklung aus einem Haus einen Wohnkasten schaffen.

Und eben ein solcher Investor kaufte das Haus und verkündete bald zu welchem Schmuckstück er es renovieren würde. Bereits bei dieser Verkündung wurde die Nachbarschaft skeptisch. Als Schmuckstück hatte das Haus von I. noch niemand bezeichnet, vermutlich nicht mal I. selbst. Und Sulzbach ist zwar – eingebettet in ein Nebental von Nassau – ein schöner Wohnort, aber halt auch nicht der Nabel der Welt. Die meisten Bewohner leben schon immer hier oder sind wieder in die Heimat zurückgekehrt.

Es gibt keinen Spielplatz und der Bus fährt maximal zur Schule und zurück. Regelmäßig fallen Bäume auf die Stromleitung und sorgen für unfreiwillige Straßenfeste, da im Haus ohne Strom halt nichts passiert. Und in eben diesem Sulzbach, in eben jenes Schmuckstück will jemand investieren? Aus dieser Skepsis wurde Unmut als der Unternehmer mit den Baufirmen anrückte und mit den Renovierungsarbeiten begann.

Egal ob unflätige Schreierei auf der Baustelle, wildes Parken in, um und auf der Hauptstraße oder unnötig provozierte Staubbelastung: Die Bewohner akzeptierten das stoisch, denn immerhin zog es jemand nach Sulzbach und Zuwachs kann dem Dorf nur gut tun.

Aber wie das mit Investments so ist, soll natürlich auch Geld dabei rausspringen. Und bald tauchten Fotos, Zeichnungen und Beschreibungen einer Luxuswohnung im beschaulichen Sulzbach auf. 895 € Kaltmiete sind in Sulzbach schon eine Kampfansage, da staunten die Sulzbacher nicht schlecht. Und begannen sich zu fragen: Wer mag da einziehen und vor allem warum? Kann das gut gehen? In einem Ort mit Pferden, Kühen, Schafen? Wo die Hähne sich über die Gartenzäune hinweg streiten? Wo Landleben noch Land bedeutet und der Besitz eines Traktors einen erst zum vollwertigen Sulzbacher macht? Ziehen hier Leute her, für diesen Preis, die den Geruch von Pferdemist beim Frühstück zu schätzen wissen?

Warum zögen diese Menschen nicht in eins der freien Häuser, die doch überall hier stehen? Aber auch hier hielten die Sulzbacher still, denn immerhin zog es jemand nach Sulzbach und Zuwachs kann dem Dorf nur gut tun. Drei Wohnungen wurden in das Haus gebaut, dass Dach technisch aufwendig erhöht um Platz für ein Loft mit Terasse zu schaffen. Es wurde saniert, energetisiert und modern hergerichtet.

Die Bauherren waren gesprächig, erzählten immer vom Fortschritt des Baus, von Problemen mit Handwerkern und von den zukünftigen Mietern, Anwälten, Lehrern und Gutbetuchten, die ihre Wohnung zu schätzen wüsste. Nur das noch ein Bauantrag eingereicht wurde, für einen Neubau direkt am bestehenden Haus, drei weitere Wohnungen, über 11 Meter Höhe, ebenfalls gehobener Baustil, dass hatte sie vergessen zu erwähnen. Und die Sulzbacher?

Die hielten nicht mehr still. Binnen eines Tages wurden von den 158 Wahlberechtigten Bürgern 89 Unterschriften gegen den Bau gesammelt und dem Gemeinderat vorgelegt. Zu hoch die
Bedenken, dass der Ortskern bestehend aus alten Fachwerkhäusern, alles Einfamilienhäuser im Eigentum, ruiniert würde, das Bild zerstört würde, Unruhe drohen könnte. Die Sorge wegen dem Verkehr, welcher durch einem 6-Parteien-Haus entsteht, in Zeiten in denen jeder Haushalt meist 2 Autos hat wurde ebenso geäußert. Und auch die Ästhetik spielte für viele Bürger eine Rolle, passt ein solcher Baustil doch in die Stadt aber nicht in eine Umgebung, wo zu jedem Haus eine Scheune gehört. Man hoffte mit diesem Schritt gelebter Demokratie etwas zu bewirken und den Bauantrag zu verhindern.

Hier ein kurzer Exkurs: Das deutsche Baurecht kennt das gemeindliche Einvernehmen, also die Zustimmung der Gemeinde zu einem Vorhaben auf ihrem Grund und Boden. Die Regeln sind
einfach: Demnach muss einem Bauantrag durch die Gemeinde zugestimmt werden, wenn er formal korrekt ist und keine gewichtigen Gründe dagegen stehen. Gewichtige Gründe sind dabei
schwammig definiert, um den Gemeinden einen gewissen Handlungsspielraum zu überlassen. Zündstoff deluxe quasi. In der vermutlich bestbesuchten Gemeinderatssitzung in der Geschichte
Sulzbachs wurde dieses Thema hitzig diskutiert. Denn ein großer Teil des Gemeinderats hatte gar nichts gegen den Gedanken eines solchen Bauwerks. Manch einer wollte die Bürger sogar
ausschließen und hinter verschlossener Tür abstimmen.

Bauangelegenheiten sind lästig, kompliziert und nervenaufreibend, da neigt der Mensch zum Weg des geringsten Widerstandes

Bauangelegenheiten sind lästig, kompliziert und nervenaufreibend, da neigt der Mensch zum Weg des geringsten Widerstandes, der sich bei einer Zustimmung im Sekundenbereich bewegt. Aber ein Dorf ist nun einmal ein Dorf und so befand der Gemeinderat in der öffentlichen Diskussion, dass der Wählerwille schwer wiegt und man die Interessen der Bürger ja auch vertreten wolle. 69% der Wähler gegen eine Sache zu mobilisieren und das innerhalb eines Tages ist nun einmal auch ein deutliches Zeichen.

Die Geschichte sollte hier zu Ende sein, der Bauantrag wurde abgelehnt, der Bau passe nicht ins Ortsbild, Wählerwille erfüllt, Sieg für die Demokratie. Aber dann würde hier wohl kaum ein solcher Artikel stehen. Das Bauamt lehnte die Ablehnung ab. Begründung: Die Gemeinde kann nicht ablehnen. Natürlich machte das im Dorf schneller die Runde, als das Bauamt Briefe schreibt, aber niemand wollte das wirklich glauben. Es wurde gemunkelt: Gemeinden haben immer das letzte Wort, da könne es nicht mit rechten Dingen zugehen. Trauriger Fakt: Bis hierher ging alles mit rechten Dingen zu, die Ahnungslosigkeit der ehrenamtlichen Ortspolitiker torpedierte die Ablehnung unwissentlich: Ästhetik ist kein Grund für eine Ablehnung nach §34 der Bauordnung.

Der Glaube der Sulzbacher an den Gemeinderat war nach der ersten Veranstaltung nicht sonderlich hoch

Man hatte zwar abgelehnt, dazu hatte die Gemeinde auch das recht. Aber die Argumentation war falsch und wer bereits mal mit dem deutschen Amtsschimmel ritt, der weiß: Egal wie gut etwas gemeint ist, ist es formal falsch, ist es nun einmal falsch. Jetzt ist ein solcher Fehler kein Problem, dass Amt hatte den Antrag ja zur erneuten Abstimmung vorgelegt, man erhielt die Chance es beim zweiten Versuch besser zu machen.

Der Glaube der Sulzbacher an den Gemeinderat war nach der ersten Veranstaltung zwar schon nicht sonderlich hoch, aber er sollte restlos schwinden: Obwohl der Gemeinderat eine Argumentation von der Bürgerseite vorgelegt bekam, obwohl sie die Gelegenheit gehabt hätten, sich hilfesuchend bei der Behörde Rat zu suchen und obwohl es auch ihre Aufgabe wäre
Widrigkeiten zu überwinden um ein Bedürfnis auch zu erstreiten, entschied man sich aufzugeben. Tragisch dabei: Beim gemeindlichen Einvernehmen geht es nicht um Gerichte, schwere Entscheidungen oder Streitigkeiten. Es geht nicht um Geld, aufwendige Streitereien oder extreme bürokratische Hürden. Es geht nur um einen reinen, formalen, Verwaltungsakt.

Aber bei dieser zweiten Verhandlung im Gemeinderat war der Punkt schnell in den geschlossenen Teil gewandert und auch flott abgehakt: Antrag zugestimmt. Man wünscht keinen unnötigen
Aufwand und hat keine Lust sich damit auseinanderzusetzen. Der Wähler darf den Saal verlassen und wie ein kleines Kind vor die Tür gestellt werden, nur um die Neuigkeiten am nächsten Tag brühwarm erzählt zu bekommen. So geht Dorf nicht!

Bis hier greift enttäuschter Wählerwille und man könnte sagen: Die wählt man nicht wieder, dass ist ein reines Problem auf zwischenmenschlicher Ebene. Und das mag auch durchaus sein. Aber das Problem ist ein ganz anderes: Es geht um eine Signalwirkung und die Frage ob die Spekulation mit Immobilien kleinen Orten schaden kann. Denn erstens werden die Preise im Umfeld von Wohlstand meist nicht niedriger (eine Entwicklung die man in der Großstadt als Gentrifizierung bezeichnet) und wer erfolgreich mit einer Sache ist, zieht Nachahmer mit sich.

Der Ortskern Sulzbach schreit schon jetzt nach weiteren Investoren

Und der Ortskern Sulzbach schreit schon jetzt nach weiteren Investoren. Im direkten Umfeld gibt es mindestens zwei Grundstücke, denen in den nächsten Jahren ein ähnliches Schicksal widerfahren wird, da die Häuser bestenfalls der Abrissbirne anzugedeihen sind und die Grundstücke eine gute Größe zum bauen haben. Im Baurecht nennt man das Vorbildwirkung. Und auch der Bau dieses Hauses ist noch nicht beendet.

Denn bereits am Anfang wurde etwas erwähnt was vermutlich bis hierher jeder wieder vergessen hatte: Das kleine, schmucke Fachwerkhäuschen. So baufällig, dass eine Sanierung unmöglich
erscheint. Und tatsächlich bemüht der Investor sich, den Schutzstatus zu entfernen. Ganz schnell werden aus einem 6-Parteien-Haus somit unter Umständen 8 oder 9 Parteien. Wenn man sich
überlegt, dass in Sulzbach fast nur Ein-Familienhäuser stehen, greift ein 32 Meter breiter, 12 Meter hoher Prachtbau ganz schön ins Ortsgefüge ein. Die große Frage die im Raum steht ist: Ist so etwas dem Dorffrieden zuträglich? Wo Menschen auf engen Raum leben entstehen immer Konflikte und Konflikte auf Dörfern sind aufgrund der Intimität oft unangenehmer als im Großstadttreiben.

Sulzbacher Bürger wehren sich gegen den Neubau

Sulzbach wird vermutlich nicht das nächste Berlin-Kreuzberg und doch sollte das hier ein Lehrstück gegen die Gentrifizierung sein. Davon, wie Wählerwille und Politik nicht zusammenkommen, obwohl Politik auf Dorfebene noch greifbar sein kann. Oder davon, wie Investition zwar vielleicht das Portmonee füllt, aber Mitmenschen vielleicht doch wichtiger sein können. Oder eben davon, wie der Charakter einer Umgebung leidet, wenn Einzelne ihre Bedürfnisse über die Anderer stellen.

Dieses Lehrstück wird in der Zukunft noch in vielen Orten im Rhein-Lahn-Kreis gespielt werden, denn es ist die logische Konsequenz aus den Entwicklungen landauf-landab. Nur den Sulzbachern hilft das wenig. Sie stehen jetzt vor der Aufgabe, die Menschen aus dem Mietblock in ihrer Mitte aufzunehmen und zu zeigen, dass ein Dorf auch bei aller Uneinigkeit ein gutes und friedliches Leben bietet.

Anzeige
Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Neueste von der VG Bad Ems-Nassau

Gehe zu Start