Nassau vor 75 Jahren

in Panorama/VG Bad Ems-Nassau

NASSAU Die Stunde Null des Jahres 1945 stellte die Stadt vor zahlreiche Aufgaben. Neben dem Abräumen der Trümmerberge galt es, zerstörte Wasser- und Abwasserleitungen und unpassierbare Straßen wieder instandzusetzen. Eine Mammutaufgabe, die dies alles in den Schatten stellte, war der Wiederaufbau der Innenstadt von Grund auf und die Schaffung neuen Wohnraums.

Nassau hatte, bevor darauf die Bomben niedergingen, einen gewachsenen Stadtkern. Neben Rathaus, Schloss und Kirche prägten repräsentative Gebäude wie das Amtshaus und Amtsgericht (jetzt Stadthalle), Hotels, Gasthäuser, Geschäfte und Villen das Stadtbild, dazu Großgebäude wie Molkerei, Brauerei und etwas abseits, in der „Neuen Welt“, das Kurhaus.

Großflächig lag die Innenstadt nach den Angriffen in Schutt und Asche. Die, die ihr Leben retten konnten, hatten oft kein Dach mehr über dem Kopf. Nüchterne Zahlen in den Akten der Stadt lassen das Ausmaß erahnen.

Am 15. November 1945 meldet die Stadtverwaltung dem Direktorium der Nassauischen Landesbank die Schäden im Wohnungsbestand, die von Bomben am 1. Januar, 1./2. Februar, 6. Februar, 2. März und 19. März 1945 verursacht waren. Teilweise lösten die Bomben schwere Brände aus. Beschädigt waren „155 Wohnhäuser mit 295 Wohnungen total.

190 Wohnhäuser mit 277 Wohnungen schwer. 103 Wohnhäuser mit 243 Wohnungen leicht“. Demzufolge waren über 570 Wohnungen völlig oder schwer beschädigt. Das betraf geschätzt 1.300 Menschen, bei etwa 2.150 Einwohnern, deren Zahl durch Kriegsverluste stark reduziert war. Einquartierungen innerhalb der Stadt reichten bei weitem nicht aus, und so wurden Wohnungslose ins Umland evakuiert.

Dies stieß rasch an Grenzen, wie der Einspruch des Bürgermeisters von Dessighofen zeigt. Bereits am 6. Februar 1945 schreibt er nach Nassau: „Ich bitte von einer weiterer Zuweisung bombengeschädigter Familien Abstand zu nehmen. Durch Lahnstein bin ich aufgebraucht“.

Die Verantwortlichen handelten ohne Zeit zu verlieren. Akribisch wurden Schäden aufgenommen und in handschriftliche Listen eingetragen. Rechnungen der Holzhandlung Wilhelm Hofmann aus Nassau und der Zimmerei Ernst Hermann aus Bergnassau Scheuern weisen bereits für den 2. Januar 1945 Lieferungen und Leistungen aus.

Mit unbesäumten Brettern wurden Fenster, die am 1. Januar zu Bruch gegangen waren, zugeschalt, Türen die aus den Angeln gerissen waren, wieder gerichtet. Ab dem 3. Februar 1945 ist das Baugeschäft Wilhelm Lorch aus Bergnassau-Scheuern in vollem Einsatz. Nach Angriffen am 1./2. Februar werden unverzüglich Dächer, Kamine und Außenwände repariert.

Vermutlich waren dies Notmaßnahmen, um Einstürze zu verhindern. Erkennbar fehlt es für mehr als Ausflicken zunächst an Material. Ziegelsteine werden aus den Trümmern gewonnen.

In kurzen Abständen tagt die Baukommission, im Juni 1946 wird aufgrund eines Kontrollratsgesetzes ein Wohnungsausschuss gebildet. Ihm obliegen Wohnungsvergaben und Zuzugsgenehmigungen. Mit Bildung des Landes Rheinland-Pfalz im August 1946 nimmt in Koblenz eine Aufbaubehörde ihre Tätigkeit auf. Bürgermeister Ludwig Wehnert berichtet dem Gemeinderat von deren Arbeitstagung im November 1946.

Eine handschriftliche Liste, überschrieben mit „Bautätigkeit 1947“, zählt an die 90 private Vorhaben auf. Im Stadtrat wird am 3. März 1949 über Bürgschaften für Baudarlehen beraten. Die Darlehen stammen aus Landes- und Treuhandmitteln. Es liegen 13 Darlehensanträge vor, darunter fünf für Neubauten. Am 30. Juni 1949 stellte Landrat Hartung im Stadtrat mit „grosser Hoffnungsfreudigkeit“ besondere Hilfen des Unterlahnkreises für den Wiederaufbau in Aussicht.

Einige Zusagen musste Landrat Hartung zurücknehmen. Jedoch flossen ab 1950 erhebliche Beträge für den sozialen Wohnungsbau und als Lastenausgleichsmittel in die Stadt. Leichte Entspannung der Wohnsituation brachten Siedlungshäuser in der Arnsteiner Straße, Hohe-Lay-Straße und der unteren Bahnhofstraße.

Auch Privat- und Geschäftshäuser sprossen aus dem Boden. Durch Aufnahme von Flüchtlingen stieg zugleich die Einwohnerzahl an. Sie betrug im Jahr 1956 bereits 3.000 Personen.

Eine schwere Etappe war geschafft, als der ehrenamtliche Bürgermeister Wehnert im Februar 1950 das Zepter an den hauptamtlichen Bürgermeister Paul Schneider übergab. Die Stadt konnte neue Pläne schmieden, sie lobte einen Architektenwettbewerb aus und teilte den Stadtkern in sieben Aufbaugebiete auf.

Schritt für Schritt nahm das Stadtbild die heutige Form an. Zum Ausklang des Jahres 1956 spricht Bürgermeister Schneider von einem „Auf- und Ausbau, wie er in der Geschichte der Stadt einmalig dastehe“.

Die Enttrümmerung, der Ausbau der Straßen und der Wiederaufbau waren wesentliche Aufgaben, die sich nach dem Inferno 1945 bis weit in die 50er Jahre hineinzogen. Nicht weniger bedeutsam waren die Gestaltung des Stadtbildes, Gewerbeentwicklung und das Aufblühen des Gemeinschaft.

Über Zeitzeugnisse, Fotos und Unterlagen aus der damaligen Zeit würden wir uns freuen.  (Gemeinsame Veröffentlichung des Geschichtsvereins mit dem Stadtarchiv Nassau).

 

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